Die Evolution hat Menschen mit einer ausgedehnten Kindheit ausgestattet

Wenn Kinder neue Erfahrungen suche und sich eine Reihe von Fertigkeiten aneignen, werden nur selten genutzte Neuronen und Synapsen abgebaut, während häufig benutzte Verbindungen gestärkt werden und besser funktionieren. Jonathan Haidt formuliert diesen Sachverhalt mit anderen Worten: „Die Evolution hat Menschen mit einer ausgedehnten Kindheit ausgestattet, damit sie Zeit genug haben, um das angesammelte Wissen ihrer Gemeinschaft zu erlernen – die Adoleszenz als eine Art kultureller Lehrzeit, bevor man als Erwachsener angesehen und gehandelt wird.“ Aber die Evolution hat nicht nur die Kindheit verlängert, um Lernen möglich zu machen. Sie hat auch drei starke Beweggründe installiert, Dinge zu tun, die Lernen leicht und angenehm machen: Motivationen für freies Spiel, Aufeinander-Eingehen und soziales Lernen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.

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Zu den Seuchenbeschleunigern gehören die sozialen Medien

Eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist die Seuchenbekämpfung durch präventive, kontrollierte Immunisierung, vergleichbar nur mit der Entdeckung der Antibiotika. Eva Menasse ergänzt: „Impfung und Antibiotika gemeinsam halfen, viel mehr Erreger zurückzudrängen und auszurotten, viel mehr Epidemien zu verhindern, als neue ausbrechen konnten. Auch daher die jahrzehntelange Ruhe und vermeintliche Sicherheit, auch daher die große Überraschung im Jahr 2020, dass es so etwas wie einen globalen Krankheitsausbruch überhaupt noch geben kann.“ In einem Gastkommentar, der eigentlich von den dramatischen Zuständen auf deutschen Intensivstationen handelte, versteckte der Münchner Intensivmediziner Matthias Baumgärtel eine bedeutsame These: „Zu den Seuchenbeschleunigern gehören die sogenannten sozialen Medien.“ Hätte es in den 60er und 70er Jahren schon das Internet gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht gelungen, die Pocken auszurotten. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.

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Online-Diagnosen machen schmerzhafte Tabus sichtbar

In gegenwärtigen Online-Kulturen gibt es eine große Bereitschaft, sich mit psychiatrischen Diagnosen zu identifizieren und diese öffentlich zu zeigen. Laura Wiesböck erklärt: „Die vordergründig propagierte Absicht hinter dem Sichtbarmachen von schmerzhaften Tabus ist, ein breiteres Verständnis für und Empathie mit Erkrankten zu fördern.“ Damit finden wichtige Entstigmatisierungsprozesse statt, die bewirken können, dass sich Betroffene eher Hilfe suchen oder sich in ihrem Leid nicht sozial isoliert fühlen, sondern als Teil einer „virtuellen Community“. Personen mit schweren psychischen Erkrankungen werden dadurch ermutigt, Hoffnung zu schöpfen, sich gegenseitig zu unterstützen und persönliche Erfahrungen und Strategien zur Bewältigung von täglichen Herausforderungen des Lebens auszutauschen. Eine Studie mit jungen Erwachsenen zeigt, dass Menschen mit psychischen Belastungen eher dazu neigen, Freundschaften in sozialen Medien zu schließen und sich virtuell mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Laura Wiesböck ist promovierte Soziologin und leitet die Gruppe „Digitalisierung und soziale Transformation“ am Institut für Höhere Studien Wien.

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Die soziale Fähigkeiten gehören zu den wichtigsten eines Menschen

Ein offenes Herz ist die Voraussetzung dafür, dass man ein erfüllter, freundlicher und weiser Mensch ist, aber es reicht nicht aus. Wir brauchen soziale Fähigkeiten. Oft genug wird die Bedeutung von „Beziehungen“, „Freundschaft“ oder „Verbundenheit“ betont, doch diese Begriffe sind zu abstrakt. David Brooks weiß: „Um beispielsweise eine Freundschaft oder eine Gemeinschaft aufzubauen, muss man eine ganze Reihe kleiner, konkreter sozialer Handlungen beherrschen: Meinungsverschiedenheiten austragen, ohne eine Beziehung zu vergiften, in angemessenem Rahmen Verletzlichkeit zeigen, gut zuhören, ein Gespräch taktvoll beenden, Verzeihung erbitten und anbieten, andere enttäuschen, ohne sie dabei zu verletzen, anderen in ihrem Leid bestehen, Treffen veranstalten, bei denen sich alle angenommen fühlen, und Dinge aus der Sicht anderer Menschen betrachten können.“ Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.

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Die sozialen Medien fördern den Narzissmus

Von den sozialen Medien ist kein Funke sozial. Anders Indset betont: „Keine Spur von Mitmenschlichkeit ist in ihnen zu erleben, sondern pure „Narzisterie“: eine Hysterie um einen ichischen Gefällt-mir-Button – eine Narzissmusmaschine zur Stärkung des Egos.“ Dabei schwächt die „Narzisterie“ das Ego durch die Entfremdung vom eigenen Ich. Die Visualisierung und Optimierung, der Filter-Fuck und die Definition über das „Gefällt mir“ ist ein Trieb. Womöglich folgt eine Zukunft, in der Menschen mit einem Schmunzeln darauf zurückschauen, wofür ihre Vorfahren Anfang des 21. Jahrhunderts Zeit aufgewendet haben. Die Gefälligkeit und Beliebigkeit des Liken und Ent-Liken, Folgen und Ent-Folgen – wer hat was geschaut und wann. Ich folge dir, bin dein Fan und Freund, aber nur wenn du mir Like und Follow zurückgibst. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Die sozialen Medien können ihr Glücksversprechen nicht einhalten

Im Jahr 2020 nutzten mehr als 3,6 Milliarden Menschen soziale Medien. Ein Blick auf ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Stärkung von Empathie gegenüber der Natur ist daher unvermeidlich. Joachim Bauer stellt fest: „Das Versprechen, das die Social-Media-Plattformen ihren Nutzern machen, ist die zwischenmenschliche Verbundenheit.“ Man programmierte ihre digitale Architektur bewusst so, dass sie in maximal effizienter Weise das neurologisch verankerte Bedürfnis des Menschen anspricht. Nämlich mit anderen verbunden zu sein, also einerseits gehört und gesehen zu werden und andererseits sich selbst Ausdruck verleihen zu können und Gehör zu finden. Obwohl sie die Sehnsucht nach sozialer Verbundenheit offensichtlich in hohem Maße erfolgreich ansprechen, scheinen die sozialen Medien ihr Glücksversprechen jedoch nicht einhalten zu können. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

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Das Lesen einer Zeitung ist ein Morgensegen

In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts erleben die Medien eine der spannendsten Transformationen seit ihrer Entstehung. Mehrere Jahrhunderte lang was das Lesen einer Zeitung, was der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel als „eine Art von realistischem Morgensegen“ bezeichnete und mit dem anderen möglichen Morgensegen kontrastierte: „Man orientiert seine Haltung gegen die Welt an Gott oder an dem, was die Welt ist.“ Im 20. Jahrhundert kamen zu den gedruckten Medien ein paar Radiosender und dann ein paar Fernsehkanäle dazu. Sie besaßen ein großes Publikum und einem ähnlich großen Autoritätsanspruch. Timothy Garton Ash weiß: „Walter Cronkite, der legendäre Moderator der US-amerikanischen Fernsehnachrichten, pflegte sein Abendprogramm mit den Worten „So ist es nun mal“ zu schließen. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Die Präsentation des wirklichen Ichs macht sehr verletzlich

Die meisten Menschen haben sich schon immer für die Welt um sich herum herausgeputzt, ihre besten Seiten herausgekehrt und ihre Fehler, so gut es ging, versteckt oder getarnt. Und so machen sie es auch heute noch in hohem Maß. John Bargh erläutert: „Jeder, der schon einmal auf Facebook, Instagram oder einem anderen sozialen Medium war, weiß, dass die Leute viel Zeit und Sorgfalt darauf verwenden, Upgrade-Versionen ihrer selbst zu präsentieren, das Bild eines Lebens zu zeichnen, das perfekter erscheint, als es tatsächlich ist.“ Manchmal sind diese „Personen“ rein fiktiv, wie etwa beim sogenannten Catfishing. Prof. Dr. John Bargh ist Professor für Psychologie an der Yale University, wo er das Automaticity in Cognition, Motivation, and Evaluation (ACME) Laboratory leitet.

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Die Meinung der anderen bestimmt unser Denken und Handeln

Jeder nimmt ständig Einfluss auf andere Menschen: in der Schule, im Beruf oder in den Sozialen Medien. Und auch die eigene Person wird von anderen beeinflusst – meist unbewusst und mehr als den meisten lieb ist. Anhand von eigenen Forschungsergebnissen belegt die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tali Sharot in ihrem Buch „Die Meinung der anderen“, dass die meisten Menschen dieses Wechselspiel kaum durchschauen. Allzu oft sind die Menschen steinzeitlichen Instinkten und Reflexen unterworfen – und daher zum Scheitern verdammt, wenn sie andere zu etwas bewegen wollen. Doch Tali Sharot zeigt auch, wie man seine Mitmenschen positiv beeinflussen kann, und wie einem dabei das Verständnis des menschlichen Gehirns hilft. Tali Sharot wurde an der New York University in Psychologie und Neurowissenschaften promoviert und ist Professorin am Institut für experimentelle Psychologie der University of London.

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