Für die subjektive Dimension der Diskursgeschichte der Grausamkeit stellt Robert Musils Kurzroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ein besonders anschauliches Exemplar dar. Die Annäherung an dieses frühe Meisterwerk erfolgt jedoch auf einem Umweg, bei dem einige Autoren vor Musil zur Sprache kommen. Ausgegangen wird von Stendhals Roman „Rot und Schwarz“, der während der Restaurationsperiode zwischen 1815 und 1830 spielt. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Der Held der Geschichte, der gesellschaftliche Emporkömmling Julien, streitet sich in einer Szene in einem Salon mit dem italienischen Grafen Altamira über den französischen Revolutionär Danton, aber eigentlich dreht sich das Gespräch um Selbstbehauptung, Stolz des männlichen Geschlechts, sozialen Status und nicht zuletzt auch um Grausamkeit.“ Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
Robert Musil
Kriege bringen eine Ethik der Grausamkeit hervor
Aber was immer auch der Krieg an schrecklichen Opfern nach sich zieht, so ist er doch, in einer Ethik aus Härte und Grausamkeit, eine Schule des Lebens, die jedem einzelnen zukünftigen Soldaten abverlangt wird. Wolfgang Müller-Funk stellt fest: „Es sind der Erste Weltkrieg und nachfolgende Revolutionen diverser Couleurs, die einen postreligiösen Diskurs und damit eine Ethik der Grausamkeit hervorbringen werden.“ Robert Musil, der solchen Diskursen abhold war, hat trotz eines gewissen Faibles für Friedrich Nietzsche der Versuchung widerstanden, daran mitzuwirken. Andere wie Ernst Jünger haben den Krieg als ein Vorspiel für die Schaffung einer Gesellschaft gesehen, die auf systematische Gewaltsamkeit aufgebaut ist. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
Die Adoleszenz hat einen gefährlich weichen seelischen Boden
Die biographische Zeit in Robert Musils Kurzroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ist die Adoleszenz, „das Alter des Übergangs“, das der Erzähler „als einen gefährlich weichen seelischen Boden“ bezeichnet, kurzum eine Welt, die man von anderen Autoren zu Anfang des 20. Jahrhunderts wie Frank Wedekind, Hermann Hesse oder Robert Walser kennen. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Der Verweis auf diese Autoren macht sinnfällig, dass jene Momente, die Musil sehr luzide beschreibt, sich auch in anderen Werken auf unterschiedliche Weise finden.“ Die Pointe der Geschichte Robert Musils besteht freilich darin, dass die Grausamkeit der drei angehenden Männer an einem vierten nicht so sehr durch zügellose Aggression hervorgerufen werden, sondern durch eine extreme Empfindlichkeit. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.