Zu Senecas rhetorischer Strategie gehört auch, dass sie kontrafaktisch vorgeht. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „So preist der Philosoph des beginnenden Neronischen Zeitalters die vorgebliche Milde des neuen Cäsaren, wohl wissend, dass dieser mit der Ermordung des Bruders und rechtmäßigen Thronnachfolgers Britannicus seine Gewaltbereitschaft bereits bewiesen hatte.“ Von Anfang an operiert Senecas Buch über die „clementia“ mit klaren Gegenüberstellungen, etwa in § 1.2, wenn der tyrannische Machthaber zur Sprache kommt, der durch gezielte Grausamkeit seine Untertanen einschüchtern und damit seine Herrschaft sichern will. Immerhin wird dabei auf einen so gängigen wie verstohlenen Herrschaftsdiskurs verwiesen. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.