Bei öffentlichen Äußerungen gibt sehr viele Fälle von Cancel Culture

Pauline Voss stellt fest: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestimmten Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gebe, zielt darum ins Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.

Weiterlesen