Was mit der Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten passiert und wie rapide sich dieser Zusammenbruch vollzieht, ist fürchterlich. Philipp Blom ergänzt: „Nicht nur, dass täglich Hunderte von Organismen aussterben, noch bevor sie jemals von Menschen identifiziert wurden. Die rapide Veränderung und Verschlechterung von Lebensräumen führt dazu, dass Schlüsselarten verschwinden, auf denen ganze Ökosysteme aufbauen.“ In manchen Gegenden Europas sind jetzt schon durch Pestizide und Monokulturen achtzig Prozent der Insekten verschwunden. Die Verödung ganzer Landschaften oder Meeresregionen lässt sich in vielen Fällen gar nicht mehr oder nur sehr langsam wieder rückgängig machen. Mikroplastik hat inzwischen nicht nur den tiefsten Grund der Ozeane erreicht, sondern ist auch in menschlichen Hirnen und in Muttermilch gefunden worden. Jede Minute verschwinden dreißig Fußballfelder Regenwald und eine Million Tonnen arktisches Eis. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Ökosysteme
In Europa sind zwanzig Prozent der Tierarten vom Aussterben bedroht
Wir Menschen greifen nicht nur in die Geosphäre ein, indem wir einen signifikanten Anstieg der Temperatur der Atmosphäre und der Oberfläche des Meeres herbeiführen. Matthias Glaubrecht fügt hinzu: „Vielmehr beeinflussen wir längst auch in vielfältiger Weise die Biosphäre und sind selbst zu einem Evolutionsfaktor des Lebens auf unserem Planten geworden. Bedingt dadurch nehmen die Vielfalt und Vielzahl der Lebewesen auf der Erde in dramatischer Weise ab, und zwar stärker noch, als bisher ohnehin schon vermutet wurde.“ Demnach sind im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller untersuchten Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnt davor, dass in wenigen Jahrzehnten eine Million von schätzungsweise acht oder neun Millionen auf der Erde existierenden Tier- und Pflanzenarten ausstirbt. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Die weltweiten Ökosysteme bestimmen und stabilisieren das Klima
Welchen Zustand ein Ökosystem annimmt, hängt sehr stark von der Stabilität der klimatischen Bedingungen ab. Dieser Einfluss wirkt auch in die andere Richtung. Dirk Brockmann erklärt: „Die weltweiten Ökosysteme bestimmen und stabilisieren das Klima. Wenn sich Ökosysteme durch Überschreiten von Kipppunkten in kürzester Zeit stark verändern, können sie auch lokale Klimasysteme ins Wanken bringen.“ Das Klima versteht man am besten als Netzwerk von dynamischen Teilsystemen, wie zum Bespiel den Regenwald des Amazonas, der Meeresströmungen, die sich alle gegenseitig beeinflussen. Mittlerweile weiß man aus Klimamodellen, dass verschiedene regionale Faktoren, sogenannte Kippelemente, wichtig sind. Jedes dieser Elemente kann in zwei verschiedenen Zuständen sein, was wiederum Einfluss auf die anderen Elemente hat. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.
Im Dürresommer 2019 vertrockneten 110.000 Hektar Wald
Die Klimakrise wirkt inzwischen mehr oder weniger stark auf fast alle Naturkreisläufe ein. Dirk Steffens und Fritz Habekuss nennen ein Beispiel: „Auch auf die Landwirtschaft. Die Faustregel für Getreide: Mit jedem Grad Temperaturanstieg geht die Ernte um mindestens zehn Prozent zurück.“ In Deutschland richtete allein der Dürresommer 2019, der auf den extrem heißen und trockenen Sommer 2018 folgte, immensen Schaden am: 110.000 Hektar Wald vertrockneten, dabei erstmals großflächig auch die Buchen, die bis dahin als besonders resistent galten. Nur die Schäden aufzuräumen kostete zwei Millionen Euro – da war das Pflanzen neuer Wälder noch nicht mit eingerechnet. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.
Das schleichende Artensterben bedroht das Überleben der Menschheit
Fokussiert auf die jeweiligen Augenblickskrisen der Zeit leiden wir unter akuter Amnesie, sobald keine direkte Gefahr für unser Wohlbefinden mehr droht. Matthias Glaubrecht warnt: „Und genauso gehen wir auch mit der wohl größten Gefahr für das Überleben der Menschheit um – dem schleichenden Artenschwund und Artensterben, der Krise der Biodiversität, die zunehmend unsere Lebensgrundlagen bedroht.“ Der Mensch ist zu einem Evolutionsfaktor des Lebens auf der Erde geworden. Bedingt dadurch nehmen die Vielfalt und die Vielzahl der Lebewesen auf unserem Planeten in dramatischer Weise ab, und zwar stärker noch, als bisher ohnehin schon vermutet wurde. Demnach sind im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller untersuchten Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Eine Lawine von Umweltproblemen kommt auf die Menschheit zu
Die Temperaturen steigen weltweit, ebenso die Meeresspiegel. Eisdecken schmelzen, und andere Arten kämpfen darum, sich an das verändernde Klima anzupassen. Hannah Ritchie ergänzt: „Eine ganze Lawine von Problemen kommt auf die Menschheit zu, seien es Überflutungen, Brände oder tödliche Hitzewellen. Den Bauern drohen Ernteeinbußen, Städte könnten überschwemmt werden.“ Und dahinter steckt vor allem ein: die vom Menschen verursachten Treibhausemissionen. Wir haben fossile Brennstoffe verbrannt, Wälder abgeholzt und Vieh für Energie und Nahrung gezüchtet – zweifelsohne wichtig für den menschlichen Fortschritt. Doch jetzt zahlt die Menschheit den Preis dafür in Form des einschneidenden Klimawandels. Würde man sich einzig und allein auf die Daten zur Entwicklung der CO2-Emissionen konzentrieren, könnte man meinen, wir machten überhaupt keine Fortschritte. Dr. Hannah Ritchie ist Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung an der Universität Oxford.