Zum ersten Mal nachgedacht hat Richard Sennett über die lebendige Gegenwart des Rituals im Zusammenhang mit Trostritualen im Judentum, seiner eigenen Religion. Die Tröstung im Judentum erfolgt nach dem Tod. Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses. Es wird am Grab gesprochen und dann zu Hause beim Tod eines Elternteils elf Monate lang, nach dem Tod eines Ehepartners oder Kindes dreißig Tage lang wiederholt. Dem Tod zum Trotz bekräftigen die Trauernden ihren Glauben an Gott. Das Kaddisch versichert, dass die Getöteten, ebenso wie die eines natürlich Todes Gestorbenen von den anderen niemals vergessen werden. Über die Jahrtausende, die das Judentum nun besteht, haben sich die korrekten Worte und Gesten des Kaddisch verändert, und sie variieren auch zwischen den verschiedenen Zweigen des Judentums. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.