Bettina Schulte stellt fest: „Wenn der Neid ein universeller Charakterzug des Menschen ist, und zwar aller Menschen, dann sind alle Bestrebungen, eine gerechte Gesellschaft ohne Anlass zum Neid zu schaffen, ins Reich der Utopie zu verbannen.“ „Die Hoffnung auf eine vom Neid befreite Gesellschaft übersieht, dass es ohne die Fähigkeit des Neides überhaupt keine Gesellschaft geben kann“, schreibt der Soziologe Helmut Schoeck. Andererseits sieht er die Tabuisierung des Neides als notwendig an, um das soziale Gefüge nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, schlimmstenfalls sogar zu sprengen. Hier kommt es wieder zum Vorschein, das Doppelgesicht des Neides: zerstörerisch im des eigenen Mangels bewussten Begehren nach der Fülle des anderen, antreibend und leistungssteigernd im Wetteifer, in der Konkurrenz mit den anderen. Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.
Helmut Schoeck
Die christliche Moral entsteht für Friedrich Nietzsche aus einer Rachsucht
Bettina Schulte erklärt: „Bis in heutige Studien über den Neid gilt die Unterscheidung zwischen einem „gutartigen“ und „bösartigen“ Neid: zwischen einer Antriebskraft, die den Neider dem Beneideten nacheifern lässt, und einer krebsartig wuchernden allmählichen Zerstörung des anderen, dessen Besitz, Schönheit, Gesundheit, Intelligenz, Ausstrahlung, Energie, Liebes- und/oder Familienglück man an seiner Statt begehrt.“ Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hat in seiner Schrift „Genealogie der Moral“ aus dem bösartigen Neid gleich eine ganze Philosophie des „Ressentiments“ entwickelt: Die christliche Moral entsteht für ihn „aus einer Rachsucht, die jene befällt, die glauben, unverdient in einer schlechten Lage zu sein, denen gegenüber, die sich als stark, erfolgreich und mächtig präsentieren.“ Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.
Neid kann zu Mord und Totschlag führen
Am Anfang der Kulturgeschichte des Neides waren zwei Brüder und ein Mord. Man kennt die Geschichte aus dem Alten Testament. Bettina Schulte erklärt: „Die Söhne von Adam und Eva waren die Brüder Kain und Abel. Beide brachten Jahwe ein Opfer. Doch Gott wies die Opfer von Kain, dem Älteren, dem Ackerbauern, zurück, während ihm die von Abel, dem Schafhirten, wohlgefällig war.“ Kann Gott ungerecht sein? Seit Ratschlüsse sind nicht nur im Buch „Genesis“ unergründlich. Kain fühlt sich jedenfalls zu Unrecht zurückgesetzt, benachteiligt, der Gunst, der Zuwendung des Vaters beraubt. Und sein Hass richtet sich gegen den, der ihm vorgezogen wurde, der über etwas verfügt, das er nicht hat: die Gnade des Herrn. Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.