Die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik

Dass die Gewöhnung zur Freiheit führt, ist ihre Bestimmung im griechischen Modell der Befreiung, der Befreiung als Subjektivierung. Christoph Menke stellt fest: „Dass sie knechtend ist, ist die Erfahrung, welche die Israeliten nach ihrer Freilassung durch Pharao machten: Sie ist der Kern der Gegenerfahrung der Gewohnheit, die nach den jüdischen Erzählungen das christliche Denken und von daher die moderne Gesellschaftskritik bestimmt – denn die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik.“ Im Zentrum dieser – zunächst jüdischen, dann auch christlichen – Gegenerfahrung der Gewohnheit stellt die Einsicht von Augustinus, dass „wer der Gewohnheit nicht widersteht […] in den Banden einer harten Sklaverei“ liegt: er „verfällt der Notwendigkeit“. Die Gewohnheit schreibt dem Subjekt, das sie zu ihr befreit, eine Notwendigkeit ein, die es nicht zu brechen vermag – denn sie ist dasselbe wie seine Freiheit. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

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