Josephine Quinn erzählt in ihrem Buch „Der Westen“ eine Geschichte, die nicht im griechisch-römischen Mittelmeerraum beginnt und dann im Italien der Renaissance wieder auftaucht. Sondern sie folgt den Beziehungen zurück, durch die sich das, was heute der Westen genannt wird, aus der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen entwickelt hat. Gerade weil Gesellschaften miteinander in Berührung kamen, sich vermischten und bisweilen wieder auseinanderentwickelten. Allgemeiner ausgedrückt möchte Josephine Quinn dafür plädieren, dass Beziehungen und nicht Kulturkreise den historischen Wandel vorantreiben. In ihrem Buch vertritt die Autorin die These, dass es nie eine einzigartige, reine westliche oder europäische Kultur gegeben hat. Die Werte, die wir heute westlich nennen – Freiheit, Rationalität, Gerechtigkeit und Toleranz –, sind nicht allein oder ursprünglich westlich. Josephine Quinn ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Cambridge.
Gesellschaften
In der öffentlichen Debatte herrschen gegenseitige Schuldzuweisungen
In vielen Gesellschaften hat ein Klima der Unverzeihlichkeit Einzug gehalten. Man unterstellt einander von vornherein die schlechtesten statt die besten Absichten. Judith Kohlenberger fügt hinzu: „In der Krise ist man sich selbst der Nächste, was auch populistischer Stimmungsmache zupass kommt. In der öffentlichen Debatte herrschen gegenseitige Schuldzuweisungen, Unverständnis, Unversöhnlichkeit und Unbeherrschtheit.“ Das Level an gesellschaftlicher Empathie ist merkbar gesunken. Auch der Natur gegenüber zeigen sich viele Gesellschaften unerbittlich, wenden immer mehr Gewalt gegen sie an – und damit in letzter Konsequenz gegen sich selbst. Der Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union (EU) wird brutaler. Gesunkene Flüchtlingsschiffe sind nur mehr dann eine Meldung wert, wenn die Opferzahl in die Hunderte geht. Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip).