Das Konzept der Sünde kam zwar erst spät in der Menschheitsgeschichte auf, ist jedoch wesentlich älter das Christentum. Annette Kehnel blickt zurück: „Am Anfang war ein Störgefühl. Ein Gespür dafür, dass Menschen – warum auch immer – durch ihre bloße Existenz die kosmische Ordnung durcheinanderbringen. Dieses Unbehagen schlägt sich nieder in Versuchen der Widergutmachung und des Ausgleichs, wie sie in vielen alten Kulturen aufscheinen.“ Dazu gehören Opferkulte zur Beschwichtigung der Naturgewalten, Regeln der Zurückhaltung, Verbote, sogenannte Tabus, oder auch die Vorstellungen postmortaler Wiedergutmachung. Dabei handelte es sich um die Idee, dann eine Seele nach den Tod erst dann zur Ruhe kommt, wenn all die Verletzungen, all die negativen Spuren, die ihr Täger zeitlebens hinterlassen hat, durch positive Taten ausgeglichen sein werden. Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.