Die ökologische Bewegung wird nicht als Avantgarde anerkannt

Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.

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Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung

Der französische Soziologe Bruno Latour hat vor drei Jahrzehnten den Gedanken der Hybridität zu einem neuen, ökologischen Weltverständnis ausgeweitet. Roger de Weck erklärt: „Kultur und Natur, Lebewesen und Dinge, die Gesellschaft und ihre Gegenstände stünden nicht nur in ständiger Wechselbeziehung zueinander, sie seien darüber hinaus als hybride Kollektive zu begreifen.“ Darin liegt gedankliche Subversion der radikalen Art. Bruno Latour relativierte die uralte Ordnung, in welcher der Mensch die Krone der Schöpfung ist. „Macht euch die Erde untertan“? Latour stellte letztlich auf die gleiche Stufe, was zuvor als völlig ungleich und unvergleichbar galt: den Menschen, das Tier, die Dinge. Diese neue Weltanschauung verdankt vieles dem postkolonialen Denken. Die Befreiung und allmähliche Emanzipation der Kolonien kündigen eine Ära an, in der sich der Westen nicht länger die Erde untertan machen kann, weder politisch noch ökonomisch noch ökologisch. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.

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