Nachdem die Laster alias Todsünden über Jahrhunderte hinweg als Feinde des guten Lebens bekämpft wurden, entdeckte man im 18. Jahrhundert ihren Nutzen für die Allgemeinheit. Annette Kehnel erklärt: „Im Grunde fand hier der bedeutendste Paradigmenwechsel im Wissenssystem des Westens statt: Aus Lastern wurden Tugenden.“ Auch in der Antike und im Mittelalter wurden die Vorteile einzelner Laster diskutiert, doch im 18. Jahrhundert schlug die Stimmung um. Kaum jemand hat diesen Umschwung so prägnant zum Ausdruck gebracht wie Bernard Mandeville (1670 bis 1733) in seiner berühmt gewordenen „Bienenfabel“. Mandeville hatte Medizin und Philosophie in Leuven studiert und war in jungen Jahre nach England ausgewandert, wo er als Arzt arbeitete und seine staatsphilosophischen Studien vorantrieb. Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.