Krisen erscheinen als Störung oder als Zusammenbruch

Konrad Paul Liessmann erklärt: „Im ökonomischen, politischen und sozialen Bereich stellen Krisen die kurzfristige Störung oder den Zusammenbruch bisher funktionierender Ordnungen dar, aus denen nach einer mitunter chaotischen Phase eine neue, im Idealfall stabilere Ordnung entsteht.“ In der Nachfolge einer marxistisch inspirierten Geschichtsphilosophie war dies eine gängige Lesart der Krise. Bei Antonio Gramsci heißt es: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ Im Gegensatz zu Hippokrates bedingt in dieser Deutung nicht die Krankheit die Krise, sondern die Krise führt zu einer Phase der Unsicherheit. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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