Katholische Sexualmoral gilt weltweit als verklemmt. Doch das war nicht immer so. Papst Alexander VI. (1492 – 1503) hatte mehr als ein Dutzend leibliche Nachkommen; den letzten zeugte er siebzigjährig während seines Pontifikats. Volker Reinhard erklärt: „Zu dieses Zeit lebten viele Kardinäle mit ihren Mätressen in eheähnlichen Gemeinschaften zusammen. Für diejenigen, die mehr Abwechslung liebten, standen in den größeren Städten Kurtisanen mit einem breiten Spektrum an Dienstleistungen bereit.“ In diesem Klima konnte sich an den Fürstenhöfen Italiens eine erotische Kultur entfalten, die mit der Katholischen Reform ab etwa 1550 zurückgedrängt und überdeckt wurde. Ihre eindrucksvollsten Zeugnisse haben sich im Palazzo del Tè erhalten, den der große Allroundkünstler Giulio Romano ab 1525 für den Marktgrafen von Mantua errichtete und mit Fresken verzierte. Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Er gehört international zu den führenden Italien-Historikern.
amor
Viele Menschen befinden sich auf der Flucht vor dem Eros
Das griechisch Wort Eros, das in alle europäischen Sprachen übernommen worden ist, ist für Josef Pieper weit weniger eindeutig, als es mancher Interpret behauptet. Sein Bedeutungsfeld ist reich dimensioniert. Platon zum Beispiel nennt all das folgende Eros: „Die am Leibhaftig Schönen sich entfachende Zuneigung; den rauschhaften gottgesandten Wahnsinn; den Impuls der philosophierenden Bedenkung von Welt und Existenz; die Kraft des Aufstiegs zur Schau des Göttlich-Schönen.“ Sophokles gebraucht das Wort Eros im Sinne der „leidenschaftlichen Freude“. Dabei wird hier die wesentliche Zusammengehörigkeit von Liebe und Freude in den sprachgebräuchlichen Sinn von Eros mit hineingenommen. Für die alten Lateiner wie Aristophanes, Plautus oder Terenz war Sex kein Thema. Was sie interessierte, war amor. Josef Pieper, der von 1904 bis 1997 lebte, war ein deutscher christlicher Philosoph.
Die Liebe ist die Sehnsucht nach dem erregenden Unterschied
In einem ersten Schritt denkt der Philosoph Josef Pieper darüber nach, was der Begriff „Liebe“ überhaupt bedeutet. Als Zentralgebot des Christentums schließt die Liebe ja auch das Verhalten zum Nächsten mit ein, der als Bild Christi wahrgenommen werden soll. Dabei muss der vielgefächert Charakter der Liebe nicht aus dem Auge gelassen werden. Joseph Pieper beschreibt in seinem Buch „Über die Liebe“ nicht nur das Erotisch-Sexuelle, sondern auch das Bedürfen und Begehren sowie die Liebe zum Kind, zum Freund, zum Schönen, zu Gott und dem eigenen Selbst. Dabei unterscheidet er sehr klar den eros, das Begehren und Habenwollen von der agape, dem Uneigennützigen, Bewundern und Seinlassen. Als dritte Spielform der Liebe nennt Josef Pieper die philia, die Freundschaft in der Spannung auf ein drittes, gemeinsames Geliebtes. Im Lateinischen heißen diese Begriffe amor, caritas und amicitia.
Die Selbstliebe ist die Voraussetzung für die Liebe zu anderen
Für den deutschen Philosophen Josef Pieper, der von 1904 bis 1997 lebte, besteht das Glück der Liebenden nicht nur im Freigeben, sondern vorrangig im Habenwollen, im Gewinnen und Genießen des Geliebten. Daher ist seiner Meinung nach Lieben ohne die Intentionalität, selbst glücklich zu sein, eine misslungene Deutung. Liebe ist auch Hunger und Durst, selbst wenn sie den anderen beglücken möchte. Die Liebe ist nicht einfach selbstlos, sondern auch bedürftig und brauchend – sie ist schenkend, wertschätzend, fordert aber gerade deswegen für sich eine gleichgeartete Reaktion ein. Sie ist damit keineswegs vom Zweck erfüllt, sie ist vielmehr sinnvoll. Wenn das gesamte Selbst auf den geliebten Gegenüber ausgerichtet ist, führt dies zur Hochform von Liebe: hingerissen sein von oder leben und sterben für jemanden – auf jeden Fall sich ergreifen lassen von einem anderen.