„Ich sehe was, was du nicht siehst,“ so heißt das berühmte Kinderspiel, bei dem man sich wechselseitig zu verstärkter Aufmerksamkeit herausfordert und die blinden Flecken des anderen aufdeckt. Svenja Flasspöhler fügt hinzu: „Es ist dieses Spiel, das Betroffene und Nicht-Betroffene miteinander einüben sollten, anstatt sich in ihren Perspektiven zu verkapseln.“ Ich sehe was, was du nicht siehst, beziehungsweise: Ich fühle was, was du nicht fühlst: Nur so entdeckt man die unscheinbarsten Details und betrachtet, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Welt mit anderen Augen. „Ich fühle was, was du nicht fühlst“: Das lässt sich indes auch begreifen im Sinne von: Ich fühle mehr. Intensiver. Feiner. Gemeint ist das Phänomen der Hochsensibilität. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Hochsensible Menschen besitzen außergewöhnliche Begabungen
Hochsensible sind durchlässiger, dünnhäutiger – und gleichzeitig begabter, meint die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die mit dem Konzept der Hochsensibilität im umfassendsten Sinn einen wahren Nerv unserer Zeit traf. Elaine Arons Beststeller „Sind Sie hochsensibel?“ erschien erstmals 1996 und wurde in 70 Sprachen übersetzt. Svenja Flasspöhler stellt fest: „Das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität wollte Aron ausdrücklich nicht als Krankheit verstanden wissen, sondern als genetisch vererbte Eigenschaft mit hohem Kreativitätspotenzial.“
Wer hochsensibel ist, so Elaine Aron, besitze nicht nur eine „größere Empfänglichkeit gegenüber Reizen“, sondern auch außergewöhnliche Begabungen: „Meistens stellen Sie fest, dass Sie nicht in der Lage sind, so viel zu ertragen wandere“, wendet sich Aron an ihre Leser. „Dabei vergessen Sie, dass Sie zu denjenigen zählen, die oftmals große Kreativität, Leidenschaft, Erkenntnis und Anteilnahme an den Tag legen […].“ Unter Hochsensiblen gebe es „Hellseher, begabte Künstler oder Erfinder, ebenso wie besonders gewissenhafte, vorsichtige und gebildete Menschen“.
Stress und äußere Überreizung sich für Hochsensible Gift
Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron stuft sich selbst übrigens auch als hochsensibel ein. Stress und äußere Überreizung sich für Hochsensible Gift, eine beschleunigte Multitasking-Welt überfordert hochsensible Menschen notorisch und verhindert eine Entfaltung ihrer Talente. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Aron rät eindringlich dazu, vor sozialen Situationen zwar nicht zu fliehen, aber doch die Existenz auf das außergewöhnliche Persönlichkeitsmerkmal einzustellen.“
Das Merkmal „hochsensibel“ ist bei Licht besehen weit mehr: nämlich das Symptom einer beschleunigten, individualisierten, spätmodernen Welt. Svenja Flasspöhler erläutert: „Dieser Welt mit ihren Steigerungslogiken, Reizen und sozialen Ansprüchen wohnt nicht nur eine Überforderungstendenz inne, die zur Dünnhäutigkeit und nervlicher Anspannung führt, sondern auch ein Ideal, das hochsensible Menschen geradezu paradigmatisch erfüllen: Was zunehmend zählt, ist eine Einzigartigkeit, die sich aus einem sensiblen Welt- und Selbstverständnis speist.“ Außergewöhnliche Kreativität, ästhetisches Differenzierungsvermögen, Feingefühl: Das sind die zentralen Werte der Gegenwart. Quelle: „Sensibel“ von Svenja Flasspöhler
Von Hans Klumbies
