Stendhal hat seinem Ich nicht die geringste Ahnung

Am 24. November 1834 beginnt Stendhal, zu dieser Zeit französischer Konsul in Civitavecchia in der Nähe von Rom, mit seiner Autobiographie „Leben des Henri Brulard“. Er schreibt: „Ich werde vielleicht, wenn dieses Buch beendet ist, in drei oder vier Jahren, endlich wissen, was ich gewesen bin, heiter oder traurig, ein Mann von Geist oder ein Dummkopf, beherzt oder ein Feigling und schließlich im ganzen glücklich oder unglücklich.“ Rüdiger Safranski ergänzt: „Der da über sich selbst schreiben will, gibt vor, nicht zu wissen, wer und was er eigentlich ist.“ Ähnlich heißt es seinem ungefähr zwanzig Jahre früher in Italien entstandenen Werk „Rom, Neapel und Florenz“, dem ersten Buch, das unter dem Pseudonym Stendhal erschien: „Was ist das Ich? Ich habe nicht die geringste Ahnung …“ Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Stendhal betrieb Selbsterkenntnis als Selbstregulierung

Man muss sein eigentliches, sein „wahres“ Ich nicht kennen, um auf sich selbst verändernd einwirken zu können, was von früh an die Absicht des eifrig Tagebuch schreibenden Henri Beyle war, der sich Stendhal nannte. Rüdiger Safranski fügt hinzu: „Wahrheit im Sinne von Authentizität erreichen zu wollen ist vergebliche Mühe, weil unerreichbar. Was man erreichen kann, ist, auf sich selbst so einzuwirken, dass man eine erwünschte Wirkung auch bei den anderen erzielt.“

Bereits die ersten Tagebucheintragungen des Achtzehnjährigen vom Frühjahr 1801 – Stendhal ist als Unterleutnant in einem Dragonerregiment bei einem der napoleonischen Feldzüge in Oberitalien unterwegs – folgen der Absicht, auf sich einzuwirken, um besser zu wirken. Rüdiger Safranski ergänzt: „Selbsterkenntnis als Selbstregulierung oder, wie man das heute nennt: Selbstoptimierung. Ein Einzelner zu werden, der herausragt, nicht, weil er ganz anders, sondern weil er für gewöhnlich einfach besser ist.“

Das Grübeln ist eine Unart von Kleinbürgern

Man überquert gefährliche Alpenpässe in der Schweiz; die anderen seufzen unter der Anstrengung und zeigen Angst. Er gibt sich kaltblütig. „War es das?“ – fragt er seinen Vorgesetzten. Rüdiger Safranski erklärt: „Er möchte als Mann der Tat erscheinen, unerschrocken, draufgängerisch. Das hält er nicht lange durch. Wen es später bei Gefechten ernst wird, sucht er lieber nach Druckposten.“ Die besorgt ihm sein Vetter, Pierre Daru, als Generalsekretär im Kriegsministerium die rechte Hand Bonapartes.

Der junge Stendhal kennt seine grüblerische Art. Man sollte sie nicht, notiert er, mit Tiefgründigkeit verwechseln. Das Grübeln sei die Unart von Kleinbürgern, denen weltmännische Leichtigkeit, Eleganz und Beiläufigkeit fehlen. Diderot zu Beispiel, schreibt er, habe sich redlich darum bemüht, es sei ihm aber nicht ganz gelungen. Dabei lässt sich dieser Habitus doch lernen, am besten in guter Gesellschaft. Rüdiger Safranski weiß: „Zugang dazu verschafft ihm sein Vetter, gegenwärtig bei einem Feldzug in Oberitalien und ab 1802 in Paris.“ Quelle: „Einzeln sein“ von Rüdiger Safranski

Von Hans Klumbies