Hanno Sauers These ist, dass soziale Klassenhierarchien durch Statuswettbewerbe entstehen, die mit sozialen Signalen ausgetragen werden. Denn die ästhetische, moralische und monetäre Dimension des Klassenbegriffs lassen sich nur im Rahmen einer Theorie sozialer Signale verstehen. Hanno Sauer erklärt: „Soziale Signale müssen, um ihre Funktion erfüllen zu können, fälschungssicher sein. Sogenannte „teure“ oder auch „kostspielige“ Signale sind die zentrale Währung von Statuswettbewerben, mit denen sich Gesellschaften in Klassenhierarchien stratifizieren.“ Aber soziale Signale sind intrinsisch unstabil, und ihre Logik ist dynamisch: Um als Zeichen verlässlich zu bleiben, müssen sich kostspielige Signale permanent wandeln, verkehren sich als Kontersignale in ihr Gegenteil. Sie verstecken sich als vergrabene Signale vor dem Entdeckwerden, um als vor dem Entdeckwerden Versteckte entdeckt zu werden. Hanno Sauer ist Professor für Philosophie an der Universität Utrecht.
Die menschliche Kooperationsfähigkeit ist unübertroffen
Kostspielige Signale werden demonstrativem Konsum, zur Stigmaprahlerei, werden durch Selbsttäuschung vor unserem eigenen Bewusstsein versteckt und sind und doch im Alltag bewusst wie wenige andere Dinge. Hanno Sauer stellt fest: „Menschen weinen, weil Tränen fälschungssichere Signale sind. Wir sind soziale Wesen. Unter den Säugetieren ist unsere Kooperationsfähigkeit unübertroffen, und auch im restlichen Tierreich erreichen nur wenige Arten, wie wenige eusoziale Insekten – etwa Bienen, Ameisen oder Termiten – unseren Grad an Zusammenarbeit und gemeinschaftlichem Leben.“
Für soziale Wesen wie uns ist es entscheidend, die mentalen Zustände unserer Mitmenschen zu kennen – was andere um uns herum denken, wollen und fühlen. Hanno Sauer ergänzt: „Und es ist fast genauso wichtig für uns, unsere eigenen mentalen Zustände anderen Menschen zu erkennen zu geben – sichtbar zu machen, was wir denken, wollen und fühlen.“ Manchmal fühlen wir uns traurig, bekümmert oder verzweifelt, deprimiert, bedrückt, verängstigt oder unglücklich.
Tränen sind relativ fälschungssicher
Dies sind leise und langsame Emotionen, die, anders als rasende Wut oder laute Begeisterung, nicht ohne Weiteres sichtbar werden oder sich in beobachtbarem Verhalten niederschlagen. Hanno Sauer fügt hinzu: „Aber eine traurige oder verzweifelte Person sucht dennoch Anteilnahme und Mitgefühl, vielleicht sogar Trost und Beistand, und deshalb muss es einen Weg geben, die eigene Not zum Ausdruck zu bringen und zu signalisieren, dass man Hilfe braucht.“
Gleichzeitig ist es wichtig, dass man fremde Hilfe nicht übermäßig in Anspruch nimmt oder sogar dann, wenn man sie überhaupt nicht braucht. Hanno Sauer erläutert: „Potenzielle Helfer müssen erkennen können, dass die Situation ernst ist, die betroffene Person wirklich Hilfe braucht und nicht bloß vorgibt, in Not zu sein.“ Tränen leisten diese Funktion, indem sie Traurigkeit und Kummer kommunizieren, die nur sehr zu fingieren sind: Tränen sind fälschungssicher und deshalb ein verlässliches Zeichen dafür, dass es dem Weinenden wirklich schlecht geht. Quelle: „Klasse“ von Hanno Sauer
Von Hans Klumbies
