Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur

Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

Freiheit ist der Gegenbegriff zur Sklaverei

Wenn Freiheit ein so zentraler Begriff ist, mag es erstaunen, dass es in der griechischen Polis zunächst einmal keine große Begriffsgeschichte von Freiheit gibt. In der „Ilias“ kommt weder der Begriff der Freiheit vor noch der des „Freien“. Die Griechen haben zwar ihre Freiheit erkämpft, indem sie die aristokratischen Tyrannen verjagten und auch töteten. Und sie haben sie auch verteidigt, indem sie die persische Satrapie mit ihren Untertanenritualen zurückschlugen und die Perser aus Griechenland vertrieben.

Bei Herodot, der dieses ja ausführlich berichtet, spielt der Begriff der Freiheit selbst aber noch keine größere Rolle, auch wenn es bereits zentral um griechische Freiheit ging. Silvio Vietta weiß: „Allerdings war es Herodot schon bewusst, dass es beim Kampf gegen die Perser um Freisein oder Knechtschaft ging. Vor der Herrschaft der Perser über die Griechen seien diese „frei“ gewesen.“ Der Begriff Freiheit definiert sich in der griechischen Sprache als Gegenbegriff zur Sklaverei.

Die Griechen erfinden die Freiheit des Denkens

Und genau in diese gerieten viele Männer Athens im Peloponnesischen Krieg. Sie mussten als Sklaven in den Steinbrüchen bei Syrakus ihr Leben enden. Freiheit definiert sich in der griechischen Polis als Unabhängigkeit von Fremdherrschaft und verantwortliche Selbstbestimmung des Bürgers. Damit gehört auch das Moment des Mutes und der Wehrhaftigkeit in der Verteidigung solcher Freiheit zu ihr. Das ruft Perikles in seiner letzten Rede seinen Landsleuten auch zu, dass Athen bereits eine tyrannische Macht für andere Stadtstaaten Griechenlands geworden ist.

In der griechischen Philosophie ereignete sich etwas Ähnliches wie in den Perserkriegen. Es ging auch hier um Freiheit, ohne dass der Begriff groß thematisiert wurde. Silvio Vietta betont: „Dabei war die erste Aufklärung in der griechischen Philosophie bereits ein mutiger Schritt in eine neue Freiheit des Denkens. Er bedeutet ja die Überwindung des mythischen Denkens und damit auch die Befreiung von den Zwängen des Mythos.“ Die neue Argumentationslinie ist die des Logos. Parmenides macht klar, dass man, um die Wahrheit zu finden, „mit dem Verstande prüfen muss“. Quelle: „Europas Werte“ von Silvio Vietta

Von Hans Klumbies

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