Demokratie und Toleranz gehören zusammen

Der Staatsmann Perikles lobt im 5. Jahrhundert v. Chr. die Form der Demokratie als eine Institution, die den Bürgern Freiheit schenkt. Das aber verlangt auch Toleranz des Bürgers gegenüber seinen Mitbürgern. Der Begriff „Toleranz“ ist eine Prägung der neuzeitlichen Aufklärung im Gegenzug zu den neuzeitlichen Religionskriegen. Es ist ja der Monotheismus mit seinen jeweils verabsolutierenden Religionsauffassungen, welcher die furchtbarsten Religionskriege auslöste und immer noch auslöst. Silvio Vietta nennt Beispiele: „So den Dreißigjährigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten im Europa des 17. Jahrhunderts. Und eben auch die heutigen Bruderkriege zwischen Schiiten und Sunniten.“ Gemeint ist mit Toleranz eine Haltung der Offenheit und auch des Respekts gegenüber Bürgern mit anderer Weltanschauung. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

Die „wahre Kirche“ ist eine tolerante Kirche

Dies gilt aber nur, sofern auch diese Bürger mit anderer Weltanschauung Respekt und Toleranz gegenüber dem Anderen zeigen. Toleranz gegenüber intoleranten Menschen kann es nicht geben, weil solche intoleranten Bürger Toleranz nur als Schwäche verstehen und dessen Träger eher auszumerzen als zu respektieren versuchen. Silvio Vietta betont: „Toleranz ist eine auf Wechselseitigkeit angelegte Haltung. Sie verlangt Gegentoleranz, sonst kann sie nicht in einem demokratischen Staatswesen funktionieren.“

Einer der Väter des Gedankens der Toleranz war John Locke. In seinem „Brief über Toleranz“ argumentiert der englische Aufklärer im Sinne einer strikten Trennung von Kirche und Glauben, von Religion und Staat. In Glaubensdingen ist in erster Linie die Heilige Schrift zuständig, nicht die kirchliche Tradition mit ihren viel späteren Reglementierungen und auch Hierarchien. Die „wahre Kirche“ ist daher für John Locke eine tolerante Kirche. Diese solle dem Gläubigen seine Wahl zwischen religiösen Richtungen als „Gewissensentscheidung“ überlassen.

Religion und Staat müssen strikt getrennt sein

Das verlangt aber, den Andersgläubigen in seinem Glauben zu tolerieren und respektieren. Denn die Verbreitung des Glaubens mit „Feuer und Schwert“ hat nur Unheil über die Welt gebracht. Sie widerspricht auch dem christlichen Gebot der Liebe und Barmherzigkeit. Und die Obrigkeit des Staates? Auch sie solle sich nach John Locke tunlichst nicht in Fragen der Religion einmischen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Deswegen plädiert John Locke für eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat.

Das Gebiet der Religion fällt einfach nicht in die Kompetenz der Obrigkeit. Die Obrigkeit hat sich nur in Sachen einzumischen, die in ihre Kompetenz fallen. Silvio Vietta erklärt: „Das ist die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung. Wer dagegen verstößt, auch aus religiösen Gründen, muss dafür von der Obrigkeit zur Rechenschaft gezogen werden.“ Aber das geschieht dann aus Gründen der bürgerlichen Ordnung, nicht aus religiösen Gründen. Wenn einige Christen glauben oder nicht glauben, das Abendmahl verwandle Brot in Wein, ist das für den Staat und seine Ordnung ohne Belang. Quelle: „Europas Werte“ von Silvio Vietta

Von Hans Klumbies

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