Schlechte Nachrichten und fake news schwächen das mentale Immunsystem

Volker Busch schreibt: „Unser mentales Immunsystem kämpft heutzutage gegen eine Reihe verschiedener schädlicher Umwelteinflüsse und Krankmacher, die es fortwährend herausfordern: Schlechte Nachrichten und fake news befallen uns wie virale Erreger. Sie stecken uns mit negativen Gefühlen an und infizieren unsere Gedanken.“ Manche Ängste breiten sich wie Infektionen aus und machen uns krank. Die Reiz- und Informationsflut entzündet uns, macht uns dünnhäutig und überempfindlich. Wir reagieren verunsichert und angespannt. Viele dieser Einflüsse wirken deswegen besonders stark, weil die Auseinandersetzung mit diesen Krankmachern erstmalig erfolgt oder in der Intensität und Frequenz neu ist. So reagiert unser mentales Immunsystem auf viele der derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen gleichsam allergisch, weil wir oft kaum gelernt haben, mit Ungewissheit und Unsicherheit umzugehen. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.

Süßliche Botschaften können das Nervensystem kurzfristig beruhigen

Eine kleine Warnung vorweg: Viele psychologische Ratgeber erinnern heute an ein warmes Schaumbad, dass man sich nach einem anstrengenden Tag gönnt. Volker Busch erklärt: „Sie betonen den Wellness-Aspekt der Psyche. Ihre Prämisse lautet: Mental gesund macht, was sich gut anfühlt.“ Sie seifen den Geist mit schaumigen Worten ein, wie „Du bist etwas ganz Besonderes“, oder empfehlen andere beweihräuchernde Mantras. Dies Form der Seelenpflege mag wohltuend sein, und sie sei ausdrücklich von ganzem Herzen und mit ganzem Hirn gegönnt.

Möglicherweise können süßliche Botschaften in einer psychischen Ausnahmesituation sogar wirklich hilfreich sein, eine angespannte Situation zu deeskalieren und das Nervenkostüm kurzfristig zu beruhigen. Aber sie allein manchen Menschen nicht stärker. Volker Busch erläutert: „Den meisten Entwicklungsprozessen in der Biologie liegt stattdessen das folgende physikalische Grundprinzip zugrunde: Es braucht einen stimulierenden Reiz, der uns irritiert und aus dem Gleichgewicht bringt. Erst dadurch kommt es zu einer Anpassungsreaktion.“

Das mentale Immunsystem sollte man nicht in Watte packen

Bei einem richtigen Reiz in richtiger Dosis führt das langfristig zu Wachstum im Sinne einer Stärkung oder Reifung, zu der es bei einer Entspannung allein nicht gekommen wäre. Volker Busch nennt ein Beispiel: „So können wir unsere Knochen nicht allein dadurch stärken, dass wir einen schmackhaften Shake mit viel Calcium trinken. Stattdessen werden sie widerstandsfähiger, wenn Muskeln an den Knochen ziehen, etwa durch ein adäquates Krafttraining mit knackigen Wiederholungssätzen an der Hantelbank.“

Auch das mentale Immunsystem entwickeln sich nicht dadurch, dass wir es in Watte packen. Pflege und Schutz sind allerdings ohne jeden Zweifel unverzichtbar für hochkomplexe Systeme. Volker Busch betont: „Aber trainiert und gestärkt wird unser mentales Immunsystem am besten, wenn wir es gelegentlich etwas fordern.“ In der Verhaltenstherapie spricht man auch von „Exposition“, bei der Menschen zum Beispiel mit Ängsten oder Zwängen bewusst in die eine für sie irritierende und „reizvolle“ Situation hineingeführt werden. So lernen sie die Spannung auszuhalten und langfristig stärker und stabiler zu werden. Quelle: „Kopf hoch!“ von Volker Busch

Von Hans Klumbies