Unabhängig voneinander entschieden sich Boccaccio und Petrarca für einen neuen Weg: das literarische Leben. Sarah Bakewell ergänzt: „Eine junge Gegenkultur kann verschiedene Formen annehmen. Im 14. Jahrhundert konnte es bedeuten, viel Cicero zu lesen und eine Büchersammlung aufzubauen.“ Der ältere von beiden war Petrarca. Er wurde 1304 in Arezzo geboren, nicht in Florenz, aus dem seine Eltern als Anhänger der „Weißen“ fliehen mussten, als die schwarzen Guelfen die Macht übernahmen. Zu denen, welche die Stadt verließen, gehörte auch Dante, ebenfalls ein weißer Guelfe. Weder Dante noch Petrarcas Eltern kehrten jemals wieder nach Florenz zurück. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er teils auf der Flucht, teil an Orten, wo die Familie ein paar Monate oder Jahre blieb, bevor sie weiterzog. Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.
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Passende Bücher bei Amazon findenPetrarca steckte einen Großteil seiner Energie in das Sammeln von Büchern
Als Säugling wäre er auf einer dieser Reisen fast ertrunken. Ein Diener, der ihn beim Überqueren eines Flusses wie ein Bündel auf dem Arm trug, wurde von seinem strauchelnden Pferd abgeworfen und hätte Petrarca fast fallen gelassen. Sarah Bakewell fügt hinzu: „Später hätte die Familie in den gefährlichen Gewässern vor Marseille beinahe Schiffbruch erlitten. Sie überlebten und gelangten nach Avignon, wo Petrarcas Vater eine Stelle am päpstlichen Hof fand.“
Sie ließen sich in der Nähe nieder, und hier wuchs Petrarca auf: unweit einer Stadt, die er überhaupt nicht mochte, obwohl er als junger Mann das Nachtleben durchaus genoss. Sarah Bakewell stellt fest: „Petrarcas Vater war Notar, und so lag es nahe, dass auch sein Sohn eine juristische Karriere anstrebte. Aber Petrarca hasste das Jurastudium. Während er vorgab, zuerst in Montpellier und dann in Bologna fleißig zu studieren, stecke einen Großteil seiner Energie in das Sammeln von Büchern.“
Cicero und Vergil blieben Sterne am Himmel Petrarcas
Der Buchdruck war noch lange nicht erfunden, und die einzige Möglichkeit, an Lesestoff zu gelangen, bestand darin, Manuskripte zu kaufen, zu erbetteln, zu leihen oder abzuschreiben – was er auch eifrig tat. Einen Rückschlag erlitt er, als sein Vater die erste bescheidene Handschriftensammlung seines Sohnes ins Feuer warf, vermutlich in der Hoffnung, dass dies dem jungen Mann helfen würde, sich auf sein Jurastudium zu konzentrieren. Doch im letzten Moment lenkte Petrarcas Vater ein und rettete immerhin zwei Bücher aus den Flammen.
Sarah Bakewell erklärt: „Ciceros Werk über Rhetorik, das für eine juristische Laufbahn ohnehin nützlich sein konnte, einen Band mit Gedichten Vergils. Petrarca durfte sie als Lektüre für seine Mußestunden behalten.“ Beide Autoren blieben Sterne am Himmel Petrarcas und wurden auch von späteren Humanisten verehrt: Vergil aufgrund seiner dichterischen Schönheit und seiner Neuerfindung der klassischen Legende, Cicero aufgrund seiner Überlegungen zu Moral und Politik und seiner eleganten lateinischen Prosa. Quelle: „Wie man Mensch wird“ von Sarah Bakewell
Von Hans Klumbies
