Jean-Jacques Rousseau war schon zu Lebzeiten ein Mythos

Jean-Jacques Rousseau schreibt in seinen „Träumereien“: Ich unternehme dasselbe, was Montaigne unternahm, aber mit einem ganz entgegengesetzten Zweck, denn er schrieb seine „Essais“ nur für andere, und ich schreibe meine Träume nur für mich.“ Rousseau schrieb dies im Jahr 1776, zwei Jahre vor seinem Tod. Rüdiger Safranski weiß: „Er musste vorsichtig sein, denn noch immer galt formell der Haftbefehl von 1762. Damals ergangen wegen des Erziehungsromans „Emile“ und der Abhandlung über den „Gesellschaftsvertrag“. Rousseau hatte es inzwischen aufgegeben, sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden.“ Zu diesem Zeitpunkt war Jean-Jacques Rousseau der berühmteste und meistgelesene Schriftsteller Europas. Seine Lebensgeschichte war bereits zum Mythos geworden. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Jean-Jacques Rousseau ist in seiner Einsamkeit glücklich

Trotzdem fühlte sich Jean-Jacques Rousseau vollkommen vereinsamt, aber ohne darunter zu leiden, wie er beteuert: „Ich bin in meiner Einsamkeit tausendmal glücklicher, als ich es unter ihnen – den Menschen – sein könnte. Sie haben allen Reiz des geselligen Lebens aus meinem Herzen getilgt.“ Er versichert mehrfach, dass er es genießt, bei sich selbst einzukehren und die Gesellschaft mit sich selbst zu suchen. Rüdiger Safranski stellt fest: „Dort findet er, was er in der Gesellschaft vermisst.“

In der Einsamkeit hat die gesellschaftliche Entfremdung keine Macht mehr über ihn. Und wenn er schreibt, dann vor allem für sich selbst als seinen ersten und womöglich einzigen Leser. Rüdiger Safranski ergänzt: „Das Selbstgespräch genügt ihm, auch weil er sich als Einzelner für exemplarisch hält. Indem er sich selbst ergründet, kommt er der Menschheit auf den Grund, so will es sein ungeheures Selbstbewusstsein.“ Er habe sich, bekennt Jean-Jacques Rousseau, mit keinem Problem in Natur und Gesellschaft herumgeschlagen, die nicht auch eine persönliche Bedeutung für ihn gehabt habe. Immer sei es dabei letztlich um ihn gegangen.

Das eigene Denken und Empfinden muss man erkämpfen

Rüdiger Safranski erklärt: „Diese Art Selbstbezug habe ihn zu einem Solitär gemacht, denn den meisten sei das, was sie denken und schreiben, äußerlich, es sei nur auf Erfolg und Anerkennung berechnet.“ Die meisten suchen nur den Weg zu den Meinungen der anderen, aber nicht den Weg zu sich selbst. Jean-Jacques Rousseau aber sei es nach ersten, tastenden Versuchen, bei denen er sich bisweilen in die Meinungen der anderen verirrt und sich dabei verloren habe, immer darum gegangen, sich zurückzugewinnen und die eigene Stimme zu finden.

Gegen die Verlockung zur Nachahmung muss das eigene Denken und Empfinden erst erkämpft werden. Das nennt Jean-Jacques Rousseau „Naturwahrheit“, die beides umfasst, Wahrheit in Bezug auf das Objekt und Wahrhaftigkeit des Subjekts. Er schreibt am Anfang seiner „Bekenntnisse“: „Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.“ Quelle: „Einzeln sein“ von Rüdiger Safranski

Von Hans Klumbies

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