Rudolf Eucken philosophiert über die Macht des Schicksals

Das Schicksal der Menschen ist so unterschiedlich, dass daraus unvermeidlich viel Verstimmung, Missmut und Zweifel entspringt. Das menschliche Handeln und Ergehen hat laut Rudolf Eucken bestimmte Voraussetzungen, da es durch seine Umgebung bedingt und in festen Zusammenhängen steht. Versucht ein Mensch solche Bindungen abzuschütteln und sich lediglich auf sich selbst zu konzentrieren, führt sein Leben ins Leere und in die Vereinsamung. Mit der Abhängigkeit scheint der Mensch unter die Macht eines dunklen Schicksals, ja eines blinden Zufalls zu geraten, der dem einem freundlich, dem anderen feindlich gesinnt ist. Den ersten treffen vernichtende Schicksalsschläge, dem anderen erfüllt sich alles nach seinen Wünschen. Der eine muss schmerzlich auf das verzichten, was dem anderen in Überfluss zufällt. In dem allen spielen kleine Dinge, scheinbare Zufälle eine große Rolle und entscheiden über wichtigste Fragen des Lebens.

Der Start ins Leben ist kein eigenes Werk und unterliegt später dem Einfluss der Umgebung

Solche verschiedenen individuellen Geschicke einfach auf Verdienst oder Schuld zu schieben, verbietet für Rudolf Eucken schon die Erwägung, dass im Leben nicht nur der Verlauf des Spiels, sondern schon sein Einsatz grundverschieden ist. Rudolf Eucken schreibt: „Denn die Natur, mit der wir das Leben beginnen, ist nicht unser eigenes Werk, und auch die menschliche Umgebung hat schon stärksten Einfluss auf uns geübt, ehe unsere Selbstständigkeit erwacht.“

Die Ungleichheit der Kraft und die der Gesinnung übertrifft schon in dieser Phase bei weitem alles, was der weitere Verlauf des Lebens an Unterschieden erzeugt. Was das Schicksal bewirkt, das rechnet der Glückliche sich zum eigenen Verdienst, wogegen es der Unglückliche als Schuld empfinden wird. So scheint die Unbill bis in die tiefsten Abgründe des Lebens zu reichen. Deshalb haben Religion und Moral, Philosophie und Kunst den Menschen über jenen Stand der Gebundenheit hinauszuheben versucht.

Selbstständige Menschen trotzen allem Wandel des Schicksals

Mit der Eröffnung einer Quelle selbstständigen Lebens verändern sich wesentlich die Gestalt und die Aufgabe des menschlichen Daseins. Rudolf Eucken erklärt: „Nun geht es nicht mehr auf in die Beziehungen zur Umgebung, nun erschöpft es sich nicht in einem Austausch von Wirkung und Gegenwirkung, sondern nun findet es seine Hauptaufgabe im eigenen Bereich, in der Bildung eines wesenhaften Beisichselbstseins, das ihm eine Tiefe der Wirklichkeit erschließt und unter völliger Umwandlung aller Größen und Güter an ihrer Fülle teilnehmen lässt.“

Dann entwickelt sich das Leben zu mehr als zu einem bloßen Schauplatz, auf dem in buntem Wechsel Verschiedenartiges passiert, dann wird es nicht mehr von dunklen Schicksalsmächten wehrlos bald hierher, bald dahin gezogen, sondern dann vermag es sich in eine Einheit zusammenzufassen und durch allen Wandel des Schicksals hindurch eine beharrende Richtung zu verfolgen. Dann vermag es bei sich selbst einen inneren Aufbau zu vollziehen.

Von Hans Klumbies

 

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