In der Neuzeit herrschen Intellektualismus und Naturalismus

Als den hervorstechendsten Zug, ja als die herrschende Macht des Ganzen in der Neuzeit, bezeichnet Rudolf Eucken das Zusammenwirken von Intellektualismus und Naturalismus, die sich einander sowohl widersprechen als auch ergänzen. Es herrscht bei beiden Einigkeit darüber, sich zu einer unpersönlichen Fassung des Lebens zu bekennen. Rudolf Eucken definiert: „Unpersönlich ist hier die geistige Tätigkeit, indem sie durch einen logischen Prozess getrieben wird, unpersönlich ist auch die Natur in ihrer Kraftentfaltung. Alles, was außerhalb des Bereiches dieses Zusammenwirkens der Intellektualkultur und der Naturalkultur liegt, das scheint hier der bloßen Meinung und dem bloßen Wahn anzugehören.“ Rudolf Eucken gibt allerdings zu, dass keineswegs das gesamte moderne Leben in dieses Maß eingeht, sondern bedeutende Züge entwickelt, die die gesetzten Grenzen durchbrechen, was in zwei Hauptrichtungen geschieht: durch eine moderne künstlerische Kultur und durch das Fortwirken der christlichreligiösen Lebensordnung.

Der Mensch strebt zu einem Reich der inneren Bildung und Schönheit

Die künstlerische Kultur, wie sie die Höhe der klassischen Entwicklung bildet, verspricht laut Rudolf Eucken den schroffen Gegensatz zwischen Vernunft und Natur, zwischen Denken und Sinnlichkeit durch eine umfassende Leistung, durch ein vordringendes Schaffen zu überwinden. Rudolf Eucken ergänzt: „Die Grundlage dessen ist antik, aber das Überkommene wird durch neue Züge bereichert, im besonderen wird mehr innere Einheit des ganzen Menschen und des ganzen Lebens verlangt.“

Geleitet von der Kunst und der Phantasie strebt hier der Mensch zu einer neuen Wirklichkeit, zu einem Reich der inneren Bildung und Schönheit, wo er im Inneren der Seele jenseits der Schranken und Missstände des gewöhnlichen Daseins zu einem neuen und höheren Leben findet. Rudolf Eucken fügt hinzu: „Die damit vom Menschen erreichte Stellung zerstört aber keineswegs seinen Zusammenhang mit dem All.“ Denn für ihn gilt immer noch das ewige Grundgesetz der Natur, ein Walten der inneren Kräfte, ein Werden und Wachsen, ein Bilden und Gestalten.

Das moderne Leben ist ohne die künstlerische Kultur nicht vorstellbar

Die Natur und die Geistigkeit erscheinen für Rudolf Eucken zugleich nahe verwandt und doch verschieden. Was in der Natur unbewusst und unter dem Zwange der Notwendigkeit geschieht, das erhebt sich beim Menschen zur Klarheit, Bewusstheit und Freiheit. Rudolf Eucken schreibt: „Inneres und Äußeres sind hier eng aufeinander angewiesen; das Innere findet sich erst am Äußeren, das Äußere aber erschließt sich nur in der seelischen Aneignung; erst die gegenseitige Berührung und Durchdringung erzeugt lebensvolle Gebilde.“

Rudolf Eucken kann sich das moderne Leben nicht ohne eine Ergänzung und Veredlung durch diese künstlerische Kultur vorstellen. Aber er erkennt an ihr zugleich manche Probleme und Schranken, die es nahezu unmöglich machen, diese Art des Lebens zum Hauptleben zu erhöhen. Rudolf Eucken erklärt: „Vor allem ist die dort gesuchte Ausgleichung von Äußerem und Innerem nicht ohne starke Widerstände; solche Widerstände leisten sowohl die Natur als auch das Geistesleben.“ Das Dunkle und das Widerstrebende der Wirklichkeit werden hier gemäß Rudolf Eucken zu leicht genommen.

Von Hans Klumbies

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