Rudolf Eucken erklärt die Außenwelt und die Innenwelt

Nichts treibt den Menschen laut Rudolf Eucken mit so zwingender Kraft zur Philosophie als ein Widerspruch, der sich bei ihm selbst eröffnet und ihm sein eigenes Wesen und Leben unsicher macht. Der Mensch begreift sich zunächst als sinnliches Wesen, als ein Bestandteil einer sichtbaren Welt, die ihn mit unablässigen Eindrücken und Forderungen umgibt. Zugleich lehrt den Menschen aber jede Selbstbesinnung, dass er direkt nie Dinge draußen, sondern stets nur seinen eigenen Zustand erleben, dass daher was sich ihm als eine jenseitige Wirklichkeit darstellt, von innen her entwickelt sein muss. Rudolf Eucken erklärt: „So entstehen zwei Reiche und Welten, die sich nicht unmittelbar zusammenfügen lassen, deren eine die andere unter sich zu bringen, ja möglichst ganz in sich aufzunehmen beflissen ist: die sinnliche Welt behandelt das Seelenleben als ein natürliches Erzeugnis oder auch als ein bloßes Spiegel- und Schattenbild, die seelische möchte umgekehrt die sinnliche zu einer bloßen Erscheinung herabsetzen, die den Kreis des Inneren nicht überschreitet.“

Nur die Philosophie kann den Gegensatz von Innen und Außen überwinden

Je nachdem, ob die sinnliche oder die seelische Welt die Oberhand behält, wird sich die Gesamtschau des Lebens völlig anders gestalten, werden den Menschen andere Güter erfreuen, andere Ziele beherrschen, ja es wird sich der Konflikt möglicherweise sogar zu einem vollen Gegensatz verschärfen, was von der einen Seite her als wertvoll und unerlässlich, von der anderen her verkehrt und verwerflich angesehen wird. Die Steigerung sinnlichen Wohlseins dient der einen Seite als Gut aller Güter, während es der anderen als eine Hemmung des Strebens zum rechten Ziel erscheint.

Einen solchen scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz kann eigentlich nur die Philosophie überwinden, die sich dieses Problems von jeher angenommen hat, umso mehr da die Art seiner Lösung auch über ihre eigene Gestaltung entscheidet. Rudolf Eucken erläutert: „Denn die Klärung der Lage und die Schärfung des Gegensatzes, welche die Aufklärung mit ihrer Scheidung von Innerem und Äußerem, von Bewusstsein und Ausgedehntem brachte, drängte zwingend zu einer bestimmten Entscheidung, man suchte eine solche zu finden, indem man die verschiedenen Möglichkeiten der Lösung abwog.“

Die Innen- und die Außenwelt im Dualismus und im Materialismus

Die sinnliche und die seelische Welt scheinen ihren Inhalten nach grundverschieden, sind aber in der Erfahrung des Lebens untrennbar miteinander verbunden. Dennoch scheidet der Dualismus die Körper- von der Seelenwelt, indem er die Eigentümlichkeit jeder der beiden Seiten voll entfaltet mit Begriffen von Klarheit und Schärfe. Auf schroffste widerspricht ihm laut Rudolf Eucken ein Einheitsverlangen von Körper und Seele.

Der Materialismus dagegen hat für sich den unmittelbaren Eindruck und die Handfestigkeit der sinnlichen Welt und favorisiert die scheinbare Einfachheit und die Vermeidung aller Metaphysik. Er vertritt die unbestreitbare Gebundenheit aller seelischen Vorgänge an körperliche Bedingungen. Außerdem scheint er im Streit der Geister die schärfste Waffe gegen den Druck veralteter Gedanken und vermeintlichen Wissens, gegen Unterdrückung und Aberglauben zu liefern.

Von Hans Klumbies

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