Rüdiger Safranski philosophiert über das Risiko

Der Philosoph Rüdiger Safranski postuliert einen ungeheuren Sicherheitskonsum in den hoch entwickelten Wohlfahrtsgesellschaften. Die Menschen lebten noch nie so sicher wie heute. Doch je größer die reale Sicherheit ist, desto größer ist die gefühlte Bedrohung. Das ist für Rüdiger Safranski die paradoxe Dialektik der Sicherheit. Auf der anderen Seite entsteht in einer Gesellschaft, die in Sicherheit lebt, der Wunsch Grenzsituationen zu erleben, um den Kick zu verspüren, den sie im Alltag nicht mehr erleben. Aber es kommen dazu in der Regel nur noch simulierte Grenzerlebnisse oder sichere Abenteuer in Frage.

Das wahre Risiko hat sich in ein Spiel verwandelt

Laut Rüdiger Safranski kann man ganz leicht feststellen, wie viel Gefahr wirklich in einem Abenteuer steckt. Die entscheidende Frage ist, ob es eine Versicherung gibt, die für dieses Risiko aufkommt. Wenn sich ein Abenteuerurlaub in Afghanistan nicht mehr versichern lässt, ist es eine wirkliche Grenzerfahrung. Da nur die wenigsten Menschen solche „echten“ Abenteuer unternehmen wollen, ist es für den Philosophen Rüdiger Safranski ein Gewinn für die Zivilisation, dass heute viele Ernstfälle in entlastende Spiele verwandelt wurden. Beim Fußball können die Menschen beispielsweise ihren Nationalstolz ohne Gefahr ausleben und müssen dazu nicht mehr in einen mörderischen Krieg ziehen.

Schon Kinder lieben das Risiko. Sie haben zwar Angst, aber suchen immer wieder Situationen, in denen sie herausgefordert werden. Rüdiger Safranski: „Deshalb machen Jugendliche Mutproben.“ Der Begriff des Risikos wurde im 16. Jahrhundert geboren und bedeutete ursprünglich das unternehmerische Risiko, das zum Beispiel Händler trugen, die ihre Schiffe in die Neue Welt schickten. Sie wussten nie, ob sie zurückkommen würden. Das waren noch echte Gefahren.

In einer verwöhnten Geselllschaft regiert die Überängstlichkeit

Inzwischen hat sich die Bedeutung des Risikos stark gewandelt und ausgeweitet. Rüdiger Safranski nennt als ein Beispiel den Bereich der Medizin. Die Menschen rennen ständig zum Arzt, um feststellen zu lassen, welcher Risikogruppen sie wohl angehören und anschließend dementsprechende Vorsorgeuntersuchungen über sich ergehen zu lassen. Rüdiger Safranski kritisiert: „Man wird dazu angehalten, einen ständigen Verdacht gegenüber möglichen eigenen Krankheiten zu haben – ein Verdacht, der selbst krank macht. Es gibt Standards der Vorsorge und der Selbstbeobachtung, die grenzen an Hypochondrie.“

Rüdiger Safranski kann sich nur wundern, wenn sich junge Studenten, um ihre Rente sorgen. Er will zwar die Generation nicht schlecht machen, aber ein Element der Frühvergreisung meint er durchaus zu erkennen. Er empfiehlt den Jugendlichen, sich von der Angst über ihre Zukunft zu lösen, ansonsten würden sie sich ihr Lebensgefühl vermiesen. Die Begleitmusik einer verwöhnten Gesellschaft ist für Rüdiger Safranski die Überängstlichkeit. Dadurch entstehen auch immer neue Krankheitsbilder, weil die Menschen immer mehr Ängste entwickeln.

Die Jugendlichen müssen lernen, dass Risiko zum Leben gehört, das durch einen Zufluss an Vitalität belohnt wird. Rüdiger Safranski sagt. „Vitalität bedeutet, dass man Angst, dass man Bedenken überwindet. Wenn Angst lähmend wird, dann erzeugt sie selbst die Situation, vor der man sich fürchtet.“ Je mehr ein Mensch auf seine Angst achtet, desto mehr verstärkt er sie. Das positive Gegenteil tritt bei der Zuversicht ein, die immer wacklig ist. Aber je mehr Zuversicht ein Mensch ausströmt, desto fester wird der produktive Faktor.

Kurzbiographie: Rüdiger Safranski

Der Philosoph Rüdiger Safranski moderiert zusammen mit Peter Sloterdijk das „Philosophische Quartett“ im ZDF. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er auch mit seinen Biographien über Martin Heidegger, Friedrich Nietzsche, Friedrich Schiller und E.T.A. Hoffmann bekannt. Im Herbst erscheint im Hanser Verlag eine Neuausgabe seiner Biographie über Arthur Schopenhauer.

Von Hans Klumbies

2 Gedanken zu „Rüdiger Safranski philosophiert über das Risiko

  • 19. September 2010 um 12:37
    Permalink

    An Safranskis Leen und Schreiben kann man seinen Weg der Frage nach „dem Ding an sich“ ablesen – man sollte seine Texte in der Reihenfolge ihres Erscheinens lesen!
    Ingeborg Gollwitzer

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