Die Wahrheit ist abhängig von der Realität

Die Wahrheit ist abhängig vom eigentlichen Wesen der Realität. Die Moral dagegen ist eine Sache der Übereinstimmung mit dem Willen eines göttlichen Wesens. Die pragmatische Erklärung der Wahrheit begreift Richard Rorty als Protest gegen die Idee, die Menschen müssten vor etwas Nichtmenschlichen zu Kreuze kriechen. John Dewey war davon überzeugt, dass die romantische Geschichte von der Demokratie eine radikalste Lesart des Säkularismus verlangt. Mehr als jene, zu der der Aufklärungsrationalismus oder der Positivismus des neunzehnten Jahrhunderts gelangt war. Demnach wird von den Menschen verlangt, jede Autorität links liegenzulassen außer der Autorität des mitmenschlichen Konsenses. Das Paradebeispiel der Unterwerfung unter eine solche Autorität ist die Überzeugung, dass man sich in einem Zustand der Sünde befindet. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

Manche Verbote schaden niemandem

Sobald die Sünde verschwindet, sollte nach John Deweys Ansicht auf die Pflicht verschwinden, nach Übereinstimmung mit dem Sosein der Dinge zu suchen. An ihre Stelle setzt eine demokratische Kultur die Pflicht, nach zwangloser Gleichartigkeit mit anderen Menschen bezüglich einer Frage zu streben. Und zwar, welche Überzeugungen dazu angetan sind, Projekte der sozialen Zusammenarbeit zu tragen und zu erleichtern. Viele Menschen können das Gefühl der Sünde empfinden. Dabei genügt es allerdings nicht, dass man angesichts der Gräuel, welche die Menschen einander zufügen, und angesichts der eigenen Fähigkeit zum Bösen erschrickt.

Richard Rorty ergänzt: „Man muss auch glauben, dass es ein Wesen gibt, vor dem man sich demütigen sollte. Dieses Wesen erteilt Befehle, die man selbst dann befolgen muss, wenn sie offenbar willkürlich sind. Obwohl sie nicht dazu angetan sind, das menschliche Glück zu steigern.“ Versucht man, sich ein Gefühl der Sünde anzueignen, ist es überaus hilfreich, wenn es gelingt, eine bestimmte sexuelle oder diätetische Gepflogenheit als etwas Verbotenes zu deuten, obwohl sie niemandem zu schaden scheint.

Manche Überzeugungen verkörpern die Wahrheit

Ebenfalls hilfreich ist es, wenn man sich sorgenvolle Gedanken darüber macht, ob man das göttliche Wesen bei dem Namen nennt, bei dem es genannt werden möchte. William James schreibt: „Ideen verwandeln sich insofern in Wahrheiten, als sie dazu beitragen, dass zwischen uns selbst und anderen Teilen unserer Erfahrung befriedigende Beziehungen hergestellt werden.“ Man kann die Wahrheit und die Realität in der angemessenen Weise respektieren. Dann genügt es jedoch nicht, das eigene Verhalten an Umweltveränderungen anzupassen.

Man sollte wirklich die Frage ernst nehmen, ob die Beschreibungen der Realität nicht vielleicht allzu menschlich sind. Möglicherweise steht die Realität und daher auch die Wahrheit abseits. Dann ist sie für die Sätze, mit denen Menschen ihre Überzeugungen formulieren, nicht erreichbar. Richard Rorty fordert: „Man muss dazu bereit sein, wenigstens grundsätzlich zwischen Überzeugungen, welche die Wahrheit verkörpern, und Überzeugungen zu unterscheiden, die bloß als Werkzeuge dienen. Also Überzeugungen, die nur die Glückschancen verbessern.“ Quelle: „Pragmatismus als Antiautoritarismus“ von Richard Rorty

Von Hans Klumbies

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