Das Wesen der Natur ist Verschwendung

Gesund leben zu wollen ist ein leicht nachvollziehbarer Wunsch. Doch dass es bei der Gesundheit immer auf die effizienteste Lösung ankommen soll, ist eine Ideologie. Richard David Precht erläutert: „Das Streben nach Effizienz ist dem Menschen nicht von Natur vorgegeben. Die Natur ist nicht effizient – ihr Wesen ist Verschwendung.“ Das eindimensionale Menschenbild des Viktorianismus, das auch Charles Darwin prägte, hat den Blick auf die biologische Natur einseitig verengt. Nichtsdestotrotz sehen Biologen und evolutionäre Psychologen noch heute überall „Strategien“, „Vorteile“ und „Kalkül“ der Natur am Werk, wo keine sind. Geht es nach ihnen, so besteht das Ziel tierischen Verhaltens vor allem darin, Energie zu sparen. Und das, wo die Natur als Ganzes eine einzige große sinnlose Verprassung von Energie ist. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Die Geschichte der Menschheit ist nicht evolutionär vorgezeichnet

Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Optimierungsauftrag an den Menschen in einem anderen Licht. Es scheint, als hätte der eine oder andere Geek aus dem Silicon Valley kein allzu gesundes Verhältnis zu seinem Körper. Man denke auch an den Hygiene- und Sterilitätswahn, der dort stärker verbreitet ist als in allen anderen Winkeln der Welt. Zwar empfahlen schon die griechischen Philosophen der Antike, an sich zu arbeiten und seine Erkenntnisse und Tugenden auszuweiten und zu schleifen.

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Aber dass der Mensch das Menschsein überwinden solle, findet sich höchstens in den esoterischen Lehren Plotins. Und hier ist nicht die Maschine das Ziel, sondern die Verschmelzung mit dem sphärischen Einen. Richard David Precht stellt fest: „Wer den Menschen überwinden und einen Supermenschen hervorbringen will, dem fehlt es an Menschenliebe oder sittlicher Reife – oder an beidem.“ Ein solcher Mensch lässt dem Mythos freien Lauf, die Geschichte der Menschheit sei bereits evolutionär vorgezeichnet.

Der perfekte Mensch wäre der Tod des Silicon Valley

Und am Ende steht das Technozän mit seiner Verschmelzung von Mensch und Maschine. Oder aber, im ungünstigeren Fall, die Diktatur der autonom gewordenen Maschinen. Nicht anders hatten schon die Christen im Mittelalter ein Tausendjähriges Reich Gottes auf Erden vorausgesagt. Im 20. Jahrhundert hatten die Nationalsozialisten die Vorsehung bemüht, die ihnen gleichsam naturgesetzlich ein solches bescheren sollte. Aber man darf sich beruhigen: Einen wirklich perfekten Supermenschen hat das Silicon Valley zu keinem Zeitpunkt im Auge.

Nur unperfekte Menschen garantieren, dass sie sich auf in Zukunft von jeder Kaufempfehlung anreizen, von jeder Manipulation verführen lassen. Ein perfekter Mensch, Herr seiner Antriebe und Durchschauer seiner Umwelt wäre der Tod des Silicon Valley. Die Fiktion vom vorgezeichneten Lauf der Welt ist nicht mehr als ein Marketingtrick, mit dem das Silicon Valley seine Zukunftsfantasien als die Zukunft ausgibt. Doch eine humane Utopie lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihre Fortschrittsidee sieht die digitale Technik als ein Hilfsmittel für eine bessere Zukunft, nicht aber als Zweck der Entwicklung der Menschheit. Quelle: „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies