Richard David Precht beantwortet in seinem neuen Buch „Angstzustand“ unter anderem die Frage, wie es sein kann, dass die Meinungsfreiheit in liberalen Gesellschaften, wie jener in Deutschland, schwindet. Im Jahr 2019 waren nur noch 45 Prozent, weniger als die Hälft der deutschen Bevölkerung, der Ansicht, ihre Meinung frei äußern zu können. Diese Zahl sank zuletzt weiter: im Jahr 2023 auf gerade einmal 40 Prozent. Ein derart geringes Vertrauen in die Meinungsfreiheit ist ein alarmierender Wert für eine liberale Demokratie. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass es so selten öffentlich als Problem herausgestellt wird. Völlig grundlos kann dieser Vertrauensverlust auf keinen Fall sein. Die Dynamik dieser Entwicklung kommt aus den liberalen Gesellschaften selbst. Das ist das Bestürzende. Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor. Er zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Private wie öffentliche Ächtung sind gefährliche Waffen
Die Grenzen der Meinungsfreiheit fangen nicht erst bei der Zensur an, sondern bereits vorher bei der Selbstzensur. Richard David Precht erklärt: „Wer damit rechnen muss, mit seiner Meinung vielfach heftigen Widerspruch zu ernten oder als Person der Öffentlichkeit medial an den Pranger gestellt zu werden, der überlegt es sich mehr als dreimal, ob er das, was er über eine bestimmte Sacht denkt, laut äußert oder es lieber bleiben lässt.“ Private wie öffentliche Ächtung sind gefährliche Waffen, auch dort, wo die Meinung nicht strafbar ist.
Richard David Precht zieht für sein Thema ein entscheidendes Fazit: Menschen in den liberalen Gesellschaften können heute ihre negativen Gefühle viel schlechter akzeptieren und verarbeiten als sämtlichen Generationen zuvor. Und das hat große Auswirkungen auf die Art, wie Menschen ihre Meinungen äußern und wann sie das tun. Vorgegebene Menüs vom typischen Denken einer bestimmten sozialen Schicht bis hin zur Zustimmung zu Volksparteien werden meist abgelehnt. Auf den persönlichen Meinungsmix kommt es an, der in keine Schublade passt.
Die Meinungsfreiheit darf nicht den Rechtspopulisten überlassen werden
Es ist eine Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland der Wokeness-Bewegung und ihrer Sprach- und Umgangsrevolution ziemlich bis äußerst skeptisch gegenübersteht. Sie wird nicht als Zukunft, sondern als eine Ideologie unter anderen wahrgenommen und oft belächelt oder bekämpft und bringt so die extreme Gegenreaktion hervor: die Überreiztheit von rechts. Wie jene von links beruht diese auf Zuspitzung und maßloser Übertreibung.
Die gesellschaftliche Reflexion auf den gefühlten Freiheitsverlust ist für Richard David Precht geradezu die Voraussetzung, um das Meinungsklima in Deutschland zu verbessern. Freiheit hat man nicht einfach deswegen, weil sie im Grundgesetz verankert ist, sondern Freiheit ist gelebte Kultur oder eben nicht. Das Thema Meinungsfreiheit ist zu wichtig und zu dringend, um es den Rechtspopulisten zu überlassen. Vielmehr muss man es zum Thema der Mitte der Gesellschaft machen, schon damit die Meinungsfreiheit nicht das gleiche Schicksal ereilt wie etwa das Thema Migration.
Angststillstand
Warum die Meinungsfreiheit schwindet
Richard David Precht
Verlag: Goldmann
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-442-30231-4, 20,00 Euro
Von Hans Klumbies
