Viele Menschen fürchten sich vor der Freiheit

Anstatt den Einzelnen zu ermutigen, seine Interessen klar zu artikulieren und seine Entscheidungen über die für ihn richtige Lebensführung selbst zu verantworten, verspricht die Ideologie der Gemeinschaft die trügerische Sicherheit ewig fest gefügter Werte, denen man sich unterzuordnen habe. Reinhard K. Sprenger weist darauf hin, dass schon vor gut 150 Jahren liberale Denker wie Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill vor der „Tyrannei der vielen“ in der Demokratie warnten, der sich der Einzelne kaum noch entziehen könne. Die Selbstregierung des Volkes schriebt John Stuart Mill, bedeute ja keineswegs „die Regierung jedes Einzelnen über sich selbst, sondern jedes Einzelnen durch alle Übrigen“. Sozialer Druck hat nicht nur eine gleichschaltende Kraft, er entwöhnt die Menschen auch des Gebrauchs der Selbstbestimmung. Reinhard K. Sprenger ist promovierter Philosoph und gilt als einer der profiliertesten Managementberater und Führungsexperte Deutschlands.

Eigeninteresse wird in Deutschland als egoistisch bewertet

Viele Menschen entwickeln Furcht vor der Freiheit und merken es kaum noch: Sie lernen, die Preisgabe ihrer Selbstbestimmung als Beitrag für das Gemeinwohl zu verstehen. Aber damit wird laut Reinhard K. Sprenger das genaue Gegenteil dessen erreicht, was angeblich gewünscht wird: „Eine Ideologie, die, wo immer es geht, Wahlfreiheit beschneidet, fördert Passivität, Jammern und organisierte Unverantwortlichkeit: die um sich greifende Tendenz, die Verantwortung für das eigene Leben allen anderen aufzubürden.“

Aber schon seit jeher werden Ich-Stärke und Eigeninteresse in Deutschland als unsozial und egoistisch bewertet. Dass sie auch mit Freiheit, Kreativität und Verpflichtung einhergehen können, dass einsichtsvoller Individualismus nicht identisch ist mit Rücksichtslosigkeit – all das ist eher eine anglo-amerikanische Denktradition. Ob ein Einzelner sich moralisch „gut“ verhält, hat nichts mit Gemeinschaft zu tun, sondern mit der Qualität des Inhalts. Und die hat jeder Mensch selbst zu verantworten.

Kein anderes Land in Europa ist so staatfixiert wie Deutschland

Der Verweis auf die Gemeinschaft fördert keineswegs die Moral, sondern oft nur die Heuchelei und Gruppeninteressen. Vielfach werden schiere Machtambitionen so moralisierend ummäntelt. Die Demokratie in Deutschland verfällt zusehends durch den Versuch immer kleinerer Gruppen, im Namen irgendeiner Benachteiligung Wiedergutmachung, Sonderbehandlung und Schutz durch die „Gemeinschaft“ einzuklagen. Man hat heutzutage gewissermaßen ein Handicap, wenn man kein Handicap hat.

Reinhard K. Sprenger kritisiert: „Das ist das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Kultur der Selbstverantwortung, die unser Land so dringend braucht: das Bild vom Bürger als zu förderndes Mängelwesen, als Opfer, das vor einem fürsorglichen Staat vor den Gefahren des Lebens geschützt werden muss.“ Kein anderes Land in Europa ist so staatfixiert wie Deutschland. Dazu zählen das Ethos des Staatsdieners, Reformen von oben, die Regelung der Welt durch Gesetze, Anspruchsdenken, Schlechtwettergeld, im Zweifelsfall auf Nummer sicher. Quelle: „Die Entscheidung liegt bei dir!“ von Reinhard K. Sprenger

Von Hans Klumbies

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