Yascha Mounk schreibt: „Der Aufstieg der illiberalen Rechten ist die erstaunlichste Entwicklung des vergangenen Jahrzehnt. In meinen letzten beiden Büchern „Der Zerfall der Demokratie“ und „Das große Experiment“, habe ich geschildert, wie breite Teile der politischen Rechte sich nach und nach eine Spielart des autoritären Populismus zu eigen gemacht haben.“ Diese Demagogen stellen heute, von Ungarn bis nach Indien und die Vereinigten Staaten, eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar. Lange wurde der Aufstieg der Rechtspopulisten kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens seit 2016 ist das Thema jedoch in allen westlichen Demokratien ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren gab es deshalb eine wahre Flut von Arbeiten über jeden Aspekt des Populismus. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
Die Identitätssynthese bleibt eine Terra incognita
Das Phänomen mag zwar inzwischen mitnichten vom Tisch sein, inzwischen versteht man es aber recht gut. Die Identitätssynthese bleibt dagegen eine Terra incognita. Yascha Mounk erläutert: „Bisher gibt es fast keine Arbeiten, die ihren intellektuellen Wurzeln nachsteigen, die Ursachen ihrer Anziehungskraft erklären, oder sich ernsthaft mit den Auswirkungen, die sich auf unsere Welt hat, auseinandersetzen.“ Yascha Mounk ist davon überzeugt, dass die von der Identitätssynthese inspirierten Ideen und Praktiken rein für sich ernstgenommen werden müssen.
Denn es macht einen großen Unterschied, ob unser Vokabular die Realität erläutert oder Verwirrung stiftet. Yascha Mounk betont: „Es ist sehr wichtig, was wir unseren Kindern darüber vermitteln, wie sie die Mitglieder anderer Identitätsgruppen wahrnehmen sollen. Und es ist alles andere als trivial, wenn ein Staat mitten in einer Jahrhundertpandemie die strikten Zwänge einer unerprobten Ideologie über das Retten von Menschenleben stellt.“ Yascha Mounk vermutet, dass die Identitätssynthese aller Wahrscheinlichkeit nach die Umsetzung jener Ziele behindert, die ihren Verfechtern besonders am Herzen liegen.
Politiker verlieren den Kontakt zum Durchschnittsbürger
Eine Atmosphäre der Ehrfurcht gegenüber dieser neuen Ideologie streckt momentan selbst noch wohlmeinende Kritiker davon ab, darauf hinzuweisen, wenn die von ihr inspirierten Maßnahmen echten Schaden anrichten. Yascha Mounk ergänzt: „Und doch stellt sich dies immer wieder ein – ob direkt, weil diese Maßnahmen des Leben der Ärmsten und Schwächsten verschlechtern, oder indirekt, weil sie die Unterstützung für solidarische Institutionen wie den Sozialstaat untergraben.“
Und last but not least: Der Rechtspopulismus und die Identitätsfalle befeuern sich gegenseitig. Yascha Mounk erklärt: „Demagogen profitieren davon, wenn Gesellschaften sich zutiefst spalten und Politiker den Kontakt zum Durchschnittsbürger verlieren. Während die Befürworter der Identitätssynthese häufig auf ernste Probleme hinweisen, treiben die von ihnen vertretenen Prinzipien und Lösungsansätze letztlich noch mehr Wähler in die Arme der Extremisten.“ Quelle: „Im Zeitalter der Identität“ von Yascha Mounk
Von Hans Klumbies
