Etliche demokratische Demokratiekritiker setzen in diese Staatsform Erwartungen, die sie nicht einlösen kann – und die jede andere Staatsform erst recht enttäuschen würde. Roger de Weck erklärt: „Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie den Volkswillen überhöhen. Im Grund gibt es nur im Ausnahmefall einen kohärenten, konsistenten Volksillen und ebenso wenig jene homogene Volksgemeinschaft, von der die Reaktionäre träumen.“ Europäer leben im Paradox der Polarisierung einerseits, die ebendiese Rechtspopulisten betreiben, und der Differenzierung andererseits: Immer mehr Wähler sind keinen Lager zuzuordnen. Beispielsweise sind sie in der Gesellschaftspolitik „links“, in der Wirtschaftspolitik „liberal“ und vielleicht in der Europapolitik „rechts“. Der Volkswille, er kann zwiespältig sein, meistens ist er vielschichtig. Darum ist die Debatte vor einem Entscheid des Parlaments beziehungsweise der Wähler mindestens so wichtig wie der Entscheid selbst. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Qualität der Meinungsbildung ist die besondere Kraft der Demokratie
Was die besondere Kraft der Demokratie ausmacht, ist die Qualität der Meinungsbildung, der argumentative Weg zum unerlässlichen Mehrheitsbeschluss. Roger de Weck erläutert: „Krumme Entscheidungswege führten beispielsweise ins Brexit-Chaos. Die Antidemokraten haben dies längst durchschaut: Letztlich ist es ihnen fast egal, ob sie sich in einer Sachfrage durchsetzen – Hauptsache, sie können das Verfahren zu ihren Zwecken nutzen und übel zurichten.“ Sie bauen auf die Verlockungen der negativen Intelligenz, die Leere des Verneinens.
Und viele Gegner der Neuen Rechten bleiben ebenfalls im Negativen: Ihre harte Dauerkritik am Reaktionären ist unerlässlich, aber sie reicht nicht, greift zu kurz. Denn Vielfalt ist die neue Norm, und innerhalb des starken Rahmens der Menschen- und Bürgerrechte eröffnet das dem Pluralismus neue Möglichkeiten: pensée multiple statt pensée unique. Daraus kann eine Renaissance der liberalen, lernenden Demokratie werden. Roger de Weck betont: „Gemischte Gesellschaft, Ökologie und hybride Aufklärung bringen ein anderes Verständnis des Ichs, in welchem das Wir steckt.“
Die Zukunft ist anders als die Gegenwart und die Vergangenheit
Der Ökonom John Maynard Keynes misstraute den Prognosen der Börsianer. Er hatte die Art und Weise beobachtet, wie sie ihre Zukunftserwartungen bilden. Investoren hätten ihre sehr subjektiven hübschen, höflichen Techniken, um aus den zahllosen Faktoren, die einen Markt beeinflussen, intuitiv ein paar auszuwählen, nach denen sie sich richten. Roger de Weck ergänzt: „Die Modelle dieser Börsianer würden letztlich ihrem persönlichen Geschmack, sogar ihren ästhetischen Vorlieben, und den Denkmustern ihrer Kollegen oder Geschäftsfreunde entsprechen.“
Die Zukunft bringt Unbekanntes, doch das Bekannte prägt die Zukunftsbilder. Und der Mensch bleibt ein unverbesserlicher Extrapolierer. Jeder Mal unterstellt er, es werde in die Richtung weitergehen, in die es jeweils gerade geht – als setze sich das Leben linear fort. Roger de Weck nennt ein Beispiel: „Die Demokratie ist in der Krise, also wird sie noch tiefer in die Krise stürzen.“ Aber – um an den Gegenwartshistoriker Andreas Rödder anzuknüpfen – die Zukunft ist anders: anders als die Vergangenheit, welche die Reaktionäre nachbilden; anders als die Gegenwart, an die das Establishment sich klammert. Quelle: „Die Kraft der Demokratie“ von Roger de Weck
Von Hans Klumbies
