Die Philosophin Rahel Jaeggi denkt über das „wahre Selbst“ nach

Viele Menschen kennen das Gefühl: „Nicht ich lebe mein Leben, sondern mein Leben lebt mich.“ Für Rahel Jaeggi sind die meisten Individuen in der heutigen Gesellschaft nicht direkt fremdbestimmt. Sie gibt zwar zu, dass es im Kapitalismus unbestritten Formen gezielter Einflussnahme auf menschliche Wünsche gibt – Manipulation durch Werbung zum Beispiel, die mein Verlangen nach bestimmten Gütern hervorbringt. Rahel Jaeggi relativiert diese Fremdbestimmung: „Doch auch wenn mein Wille in diesem Sinn beeinflusst ist, zwingt mich niemand, die Cola, das Smartphone oder das Auto auch tatsächlich zu kaufen. Und wir handeln, wenn wir konsumieren, auch nicht wie unter Hypnose – selbst in Zeiten von Big Data nicht.“ Fremdbestimmt ist ein Mensch nur, wenn ihn ein fremder Wille daran hindert, seinem eigenen Willen zu folgen. Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Ein „wahres Selbst“ gibt es nicht

„Seiner selbst entfremdet“ zu sein, ist dagegen für Rahel Jaeggi ein Zustand der „Entzweiung“: Ein Mensch fühlt sich in seinem Leben, obwohl es niemand ihm aufgezwungen hat, „nicht zu Hause“. Dieser Zustand der Entzweiung ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Mensch im eigentlichen Sinne gar nichts „gewollt“ oder gar „entschieden“ habe: Vielmehr hat sich die Situation anscheinend wie von selbst ergeben. Mit anderen Worten: Ein solcher Mensch hat sich die praktische Frage „Was soll ich tun? gar nicht gestellt.

Ein „wahres Selbst“, das in einer Art Container verborgen wäre oder sich als innerer Kern erhält, ganz unabhängig von dem, was ein Mensch tatsächlich tut und will, gibt es laut Rahel Jaeggi nicht: „Und wer in irgendeinem nicht banalen Sinn nach einer „unberührten“ „wahren“ Natur des Menschen jenseits aller Beeinflussung sucht, wird keine finden.“ Vielmehr sind die Menschen als Kulturwesen immer schon durch die Gesellschaft geprägt, in der sie leben und die sie durch ihr Tun mitgestalten. Die menschliche Identität drückt sich überhaupt nur durch die Rollen aus, die ein Individuum im Laufe seines Lebens annimmt und übernimmt.

Die Beziehung zur Welt sollte sinnvoll und erfahrungsoffen sein

Laut Rahel Jaeggi existiert kein Selbst jenseits der Rolle. Und aus diesem Grund ist das Selbst keineswegs statisch zu verstehen, sondern als ein Aneignungsprozess von gesellschaftlichen Anforderungen mit offenem Ausgang. Damit meint Rahel Jaeggi selbstredend nicht, dass die Menschen sich etablierte Lebensentwürfe blindlings einverleiben sollten: „Das Selbst als „Aneignungsprozess“ zu begreifen, trägt vielmehr der Tatsache Rechnung, dass wir in einer unauflöslichen Beziehung zur Welt stehen, in der wir erst „wir selbst“ werden.“

Diese Beziehung der Welt als sinnvoll und erfahrungsoffen zu erleben, ist für Rahel Jaeggi das Zeichen gelungener Aneignung. Der Mensch steht dann der Welt nicht fremd gegenüber, sondern kann bestimmte Entwicklungen oder Wendungen, die sein Leben nimmt, in das Bild, das er von sich selbst hat, übernehmen. Diese Aneignung ist für das Gelingen einer Existenz entscheidend – und nicht ein vermeintlich „echtes Wollen“, das es von einem manipulierten „unechten“ Wollen zu unterscheiden gälte. Quelle: Philosophie Magazin

Von Hans Klumbies

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