Rache ist die letzte Zuflucht der Hilflosen

Reinhard Haller schreibt: „Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Rache zumindest im Augenblick guttut. Allerdings kommen rasch Zweifel auf, ob dieses als positiv erlebte Gefühl der Genugtuung von Dauer ist, ob die eigene Welt durch die Rache tatsächlich wieder kontrollierbarer ist und ob das Selbstwertgefühl anhaltend gestärkt werden konnte.“ Für Rachegedanken muss man sich immer gleichsam auch vor den eigenen Gefühlen rechtfertigen, das sie ja immer destruktive Gefühle beinhalten, auf die Schädigung eines Mitmenschen abzielen und möglicherweise auch bezüglich des eigenen Gerechtigkeitsgefühls zweifelhaft bleiben. Der innere Kampf um all jenes, was den moralischen Ansprüchen genügt und über die reine Befriedigung aggressiver Begierden hinausgeht, zeigt die ganze Ambivalenz unseres Umgangs mit der Rache. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

Die Selbstregulierung ist eine der wichtigsten Steuerungskräfte

Stets lauert die Gefahr, der eigenen Bösartigkeit ein moralisch gerechtfertigtes Mäntelchen umzuhängen, indem man die Schuld jenen zuschiebt, an denen die Tat verübt wird. Reinhard Haller erklärt: „Damit versucht man, über eigene Versagensgefühle hinwegzutäuschen und die eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Treffend beschreibt dieses Dilemma der russisch-amerikanische Biochemiker und Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimow (1920 – 1999): „Rache ist die letzte Zuflucht der Hilflosen.“

Unter „Selbstwertregulierung“ versteht man alle Verhaltensweisen, mit denen man eine Erhöhung, Stabilisierung oder Wiederherstellung des Selbstwerts anstrebt. Reinhard Haller erläutert: „Da Schutz und Erhöhung des Selbstwerts grundlegende menschliche Bedürfnisse sind, stellt die Selbstwertregulierung eine der wichtigsten Steuerungskräfte unseres Verhaltens dar.“ Daher kommt dieser im Umgang mit Rachegefühlen zentrale Bedeutung zu. Denn sie ist entscheidend für das Überwinden der oder Scheitern an der Rache.

Bei den meisten neurotischen Störungen ist das Selbstwertgefühl verletzt

Durch den Verlust von Ansehen und Macht wird der Selbstwert zentral getroffen, sei es der persönliche oder der gesellschaftlich-öffentliche. Reinhard Haller weiß: „Rache dient dann dazu, das Selbstwertgefühl zu stärken, das empfindlich getroffene Selbstvertrauen zu reparieren und das positive Selbstkonzept wiederherzustellen.“ Da Rache sehr viel mit dem Eigenwert zu tun hat, kommt der Regulierung des durch Rache irritierten Selbstwertgefühls in der Überwindung von Rachegefühlen zentrale Bedeutung zu.

Unter Selbstwert versteht man in der Psychologie die Beurteilung und Bewertung der eigenen Person. Während Selbstvertrauen und Selbstsicherheit die Überzeugung von den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen betrifft, bezieht sich das Selbstwertgefühl – auch als Selbstachtung bezeichnet – mehr auf die eigene Persönlichkeit, die individuellen Erfahrungen und die Prägungen durch das Leben. Reinhard Haller fügt hinzu: „Bei den meisten neurotischen Störungen ist das Selbstwertgefühl verletzt. Es kann zu hoch sein wie bei Narzissten, zu niedrig wie bei neurotischen Menschen oder ausgeglichen wie bei selbstsicheren, emotional ausgeglichenen Individuen.“ Quelle: „Rache“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies