Weil Ekstase so oft und unterschiedlich definiert wurde und wird, bringen Lexika zur Klärung dessen, was Ekstase sein soll, wenig. Racha Kirakosian erklärt: „Die Definitionen rangieren zwischen einem überwältigen Gefühl größter Freude, einem religiösen Zustand der Selbst- oder Gottestranszendenz und einer amphetaminbasierten Partydroge aus der Techno-Szene.“ Eine kurze Begriffsgeschichte führt uns indes zu den Ursprüngen des Wortes und gibt uns einmal eine Vorstellung davon, was es mit Ekstase eigentlich auf sich haben könnte. Der Begriff Ekstase findet seine erste Erwähnung in den hippokratischen Schriften, wo griechisch „ekstasin“ in der Bedeutung von „Verschiebung“ für die physische Fehlausrichtung der Hüftgelenke steht. Wörtlich heißt „ekstasis“ „Außerhalb-des-Selbst-Stehen“ oder „Aus-sich-Heraustreten“, anders gesagt: verschoben, entrückt, verrückt sein. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
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Ekstase. Eine philosophische und historische Einführung Racha Kirakosian
Auf Amazon ansehenDie Ekstase fand allmählich Eingang in die Metaphysik
Im konkreten hippokratischen Beispielfall liegt der Hüftkopf nicht richtig in der Hüftpfanne. Der Beginn der Erfolgsstory des Begriffs geht also auf die Medizin zurück. Racha Kirakosian ergänzt: „Für die Bedeutungsverschiebung vom Orthopädischen zum Metaphysischen waren dann eine Reihe griechischer Philosophen zuständig, insbesondere Aristoteles und Plotin.“ Die Ekstase fand allmählich Eingang in die Metaphysik, in der spätantike Philosophen sie prominenter machten, indem sie spirituelle Erfahrungen der mystischen Entrückung als Ekstase bezeichneten.
Die Verbindung zum Körper blieb dennoch weiterhin bestehen und sei es in der Form der Verneinung der Sinneswahrnehmung im Moment der Ekstase. Racha Kirakosian erläutert: „Eine Entfremdung des Gemüts oder des Verstands von den Sinnen, so umschreibt etwa im 9. Jahrhundert der Bischof von Ravenna, Andreas Agnellus, diesen begehrenswerten Zustand, der schon vor seiner Begriffsfindung seit eh und je zum Dasein fühlender Lebewesen gehörte.“ Zu den Aspekten der Ekstase zählen Entrückung und erhöhte Soziabilität genauso wie religiöse Transzendenzerfahrungen.
Für Rausch wie für Ekstase gibt es verschiedene Erklärungsmodelle
Racha Kirakosian stellt fest: „Dabei wird Ekstase stets ambivalent gewertet; das Losgelöst-Sein vom Körper ist etwa, je nach Glaubenskontext, nicht automatisch Zeichen der Gottesnähe, sondern kann auch als Signal eines krankhaften Wahnsinns interpretiert werden.“ Der Bericht – und um vieles mehr die Zurschaustellung – ekstatischer Zustände ruft ambivalente Reaktionen hervor. Das wird deutlich, wenn man sich die Assoziation der Ekstase mit dem Rausch vergegenwärtigt, der ebenfalls ambivalent besetzt ist.
Der Rauschbegriff kann positiv aufgeladen sein, so wie etwa bei Helene Fischer, wenn sie ihn für ihr 2021 erschienenes Album verwendet. Der Hang zum Rausch kann aber auch für die Absenz von Selbstdisziplin stehen und damit als Makel verstanden werden, wie schon 1494 bei Sebastian Brant ersichtlich, wenn der Alkoholiker auf das „Narrenschiff“ gehört, weil Vernunft und Sinn bei ihm zerstört sind. Für Rausch wie für Ekstase – deren Bedeutungsspektren stark überlappen – gibt es verschiedene Erklärungsmodelle. Quelle: „Berauscht der Sinne beraubt“ von Racha Kirakosian
Von Hans Klumbies
