Pornographie ist durch das Internet ständig verfügbar

Peter Trawny stellt fest: „Diejenigen, die schon auf der Welt waren, als es noch kein Internet gab, können sich daran erinnern, dass es noch einer gewissen peinlichen Aktivität bedurfte, um pornographische Bilder sehen zu können.“ Entweder man musste eines dieser etwa angeschimmelten Kinos aufsuchen, in denen weniger Männer sich in den Sitzreihen verteilten, um ihren dürftigen Genuss zu frönen, oder man kaufte sich am Kiosk ein Heft, das man einigermaßen verschämt bezahlte. Seit dem weltveränderten Auftauchen des Internets ist Pornographie absolut aller „Kategorien“, wie es heißt, ständig verfügbar. Was das bedeutet ist schwer zu sagen. Hat sich die Liebe durch die Anwesenheit pornographischer Bilder verändert? Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Das Imaginäre ist nicht das Phantastische

Es ist für Peter Trawny schwer zu glauben, dass die totale Entblößung aller mögliche erotischen Phantasien keine Konsequenzen haben soll. Pornographie funktioniert wie das, was Jean-Paul Sartre „Das Imaginäre“ nennt. Die Entfesselung sexueller Aktionen erscheint dabei als ein „irreales Objekt“. Einerseits präsentieren die Bilder etwas eigentlich Intimes, das sich jenseits der gezeigten Bilder als Filmset erweist. Die Körper, die, selbst erregt, erregen sollen, arbeiten. Auch dort, wo vermeintliche „Amateure“ ihre Bilder uploaden, wird „Liebe“ geschuftet.

Porno-Körper sind Arbeits-Körper. Beinahe alle sogenannten „Pornostars“ haben ihn sich verändern lassen. Peter Trawny erklärt: „Der Porno-Körper ist trainiert, von außen und innen kosmetisch bearbeitet, tätowiert, gepierct. Brustimplantate sind Usus, Penisvergrößerungen ebenso.“ Allerdings weiß Jean-Paul Sartre, dass beim Imaginären Irrealität nicht bedeutet, dass die Bilder keinen Bezug zur Realität haben. Das Imaginäre ist nicht das Phantastische. Das pornographische Bild wirkt nur, wie es einen Bezug zur realen Welt hat.

In der Pornographie wird der eigene Genuss unmittelbar befriedigt

Unser Begehren wir an einer Stelle getriggert, an der es sich sonst realiter befriedigt. Peter Trawny erläutert: „Ich kann einerseits pornographische Bilder nur genießen, weil ich den Genuss der dort gezeigten Interaktion aus dem Leben kenne. Andererseits würde diese Bilder mich nicht interessieren, wenn ich in ihnen nur Vertrautes sehen würde – wenn mir die dort krass präsentierte sexuelle Handlung vertraut sein würde und nicht immer auch unheimlich bliebe.“

Das Pornobild ist demnach nicht irreal, sondern schwebt in der Mitte zwischen dem Unwirklichen und dem Wirklichen. Keine pornographische Inszenierung ohne das masturbatorische Begehren des Betrachters. Peter Trawny fügt hinzu: „Es entspricht der Vergegenständlichung der sich öffnenden Körper. In der Masturbation verdinglicht sich das Begehren des Voyeurs, er sich der verdinglichten Erregung der Körper zum Komplizen macht.“ In der Pornographie wird der Kern des eigenen Genusses unmittelbar befriedigt. Quelle: „Philosophie der Liebe“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies