Der Populismus ist ein politisches Verlustunternehmertum

Die immer neuen Verlustängste vielen Menschen kommen dem Populismus gerade recht, ja, sie werden von ihm systematisch genährt. Populismus ist politisches Verlustunternehmertum. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Er stellt aber nur das prominentesten Beispiel eines breiten politisch-kulturellen Feldes von verlustorientierten Bewegungen der letzten Jahre dar, zu denen etwa auch die „Gelbwesten“ und die „Incels“ gehören.“ Die Relevanz von Verlusten im Feld des Politischen betrifft als Reaktion darauf jedoch auch das linkliberale Lager: Denn je stärker die Rechtspopulisten werden, umso mehr fürchten die Linksliberalen demokratische Regressionen. Die Auseinandersetzungen der Gegenwartsgesellschaft drehen sich somit häufig weniger um den Anteil der einzelnen Gruppen am gesellschaftlichen Fortschritt, sondern darum, wer verliert und wessen Verlustängste stärker die politische Agende prägen. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die nostalgische Ästhetik fasziniert viele Menschen

Vinylplatten haben ein überraschendes Revival erlebt. Einst hoffnungslos antiquiert und erst durch CDs, dann Streamingdienste verdrängt, punkten sie nun mit der Authentizität ihres Hörerlebnisses. Andreas Reckwitz erklärt: „Wie früher – ein Früher, das man selbst möglicherweise nie erlebt hat – hält man die aufwändig gestalteten Plattencover in den Händen und lauscht dem Knistern, wenn die Nadel über die Rille der Schallplatte gleitet.“ Zeitgleich sind im Städtetourismus die „lost places“ zum Geheimtipp geworden.

Dabei handelt es sich um heruntergekommene, häufig am Stadtrand gelegene Gebäude etwa aus der Blütezeit der industriellen Moderne, in denen sich eine spezielle Ruinenästhetik entdecken lässt. Andreas Reckwitz ergänzt: „Aber auch sorgfältig restaurierte Bauwerke wie das Tacheles in Berlin oder die Bourse de Commerce in Paris beschwören die Faszination einer jüngeren Vergangenheit.“ Dies sind alles Beispiele einer spätmodernen Nostalgieökonomie und einer nostalgischen Ästhetik, die in den Dingen und Orten eine bestimmten, häufig idealisierten Ausschnitt der Vergangenheit präsent zu halten versuchen.

Resilienz hat heute auf vielen Gebieten Konjunktur

Andreas Reckwitz stellt fest: „Wenn die Zukunft nicht mehr viel verspricht, ist die Bewahrung der Kultur der Vergangenheit vor dem vollständigen Verlust – als Heritage, Retro oder eben Nostalgie – offenbar zu einer charakteristischen Strategie der Gegenwartskultur geworden.“ Die COVID-19-Pandemie, die den Globus von 2020 bis 2022 beherrschte und Millionen von Todesopfern forderte, hat zahlreiche Spuren hinterlassen. Eine davon ist, dass sich das Modell der Resilienz als Programm für gesellschaftliche und politische Steuerung auf Dauer etabliert hat.

Um sich gegen die Pandemien von morgen zu wappnen, so heißt es nun, müsse die Gesellschaft heute resiliente Strukturen ausbilden, indem sie entsprechende institutionelle Vorkehrungen trifft. Resilienz hat jedoch weit über Fragen der Gesundheit hinausgehend Konjunktur. Andreas Reckwitz erläutert: „Sie erscheint als Zielmarke eines Antivulnerabilitätsprogramms für das Individuum und zugleich als Leitvorstellung für eine Gesellschaft, die sich beispielsweise über den Weg einer Diversifizierung von Lieferketten gegen lokale Störungen und globale Krisen abpuffert oder mit einer gezielten Pflege ihrer politischen Institutionen und Öffentlichkeiten gegen demokratische Rückschritte vorbeugen will.“ Quelle: „Verlust“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies