Politik ist eine dem Alltag entstammende Kunst

Ned O’ Gorman weiß: „Das Argument, echte Politik habe mit Vernunft und Wirklichkeit zu tun, während falsche Politik sich um Beliebtheit und Show drehe, stammt schon aus Platons (ca. 424 – 347 v. Chr.) Zeiten.“ Hannah Arendt argumentierte, die Philosophie – vor allem jene mit dem Anspruch der Aufgeklärtheit – könne ebenso antipolitisch sein wie das Showgeschäft. Eben dann, wenn sie der sich ständig verändernden politischen Welt durch unveränderbare, ewige Wahrheiten zu entfliehen sucht. Philosophie kann zu einer Art Eskapismus werden – doch Hannah Arendt war keine Eskapistin. Vielmehr hielt sie die Politik für eine dem Alltag entstammende und auf den Alltag gerichtete Kunst. Sie gehört in die Welt, in der Menschen täglich leben und sich häufig auf ihre fünf Sinne verlassen müssen, um durchzukommen. Ned O’ Gorman ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois.

Politik ist kein Zweig der Philosophie

Philosophen und andere gebildete Experten verlangen laut Hannah Arendt viel zu oft von den normalen Bürgern, den Alltag zugunsten strenger Prinzipien oder transzendenter Ideen aufzugeben. Stattdessen sollten sie den gesunden Menschenverstand einfordern, mit dem man sein Leben gestalten und Differenzen überwinden kann. Ned O’ Gorman kritisiert: „Philosophie riskiert deshalb, die Praxis „wahrer“ Politik auf eine gebildete, aufgeklärte und abgehobene Elite zu beschränken.“

Davon war Hannah Arendt so stark überzeugt, dass sie sich weigerte, als politische Philosophin bezeichnet zu werden, obgleich viele Menschen sie genau dafür halten. Sie ließ sich lieber eine politische Denkerin und Theoretikerin nennen. Ned O’ Gorman erläutert: „Politik ist kein Zweig der Philosophie und wird es auch nie sein. Die Aufklärung hat sicherlich dazu beigetragen, dass Vernunft, Freiheit und Gleichheit im politischen Leben bedeutendere Rollen spielen.“

Politik kann sich dem Showcharakter nicht entziehen

Das Beharren darauf, dass in der politischen Diskussion nur die Stimmen der Rationalen zählen, schloss jedoch alle aus, die nicht wie hochgebildete, weiße, europäische Männer reden, handeln oder denken. Anders als Neil Postman hielt Hannah Arendt die Showelemente nicht für das eigentliche Problem der Politik. Ned O’ Gorman erklärt: „Die Politik kann sich dem Showcharakter nicht entziehen, weil sie sich notwendigerweise in dem Bereich ereignet, den Arendt „Raum der Erscheinungen“ nennt.“

Das Problem der Politik als Show ist nicht ihr Erscheinungsbild. Schwierig wird es erst, wenn sie sich ausschließlich um die Show dreht. In Europa übernahm die Wirtschaft in den Jahrzehnten vor dem Aufstieg der Nazis im großen Stil die Macht im Staat. Ned O’ Gorman stellt fest: „Arendt analysierte diesbezüglich, die politische Welt sei so theatralisch geworden, dass das Theater als Wirklichkeit erscheinen konnte. Vieles von dem, was wir heute über Politik zu wissen glauben, entstammt den kommerziellen Produktionen der Medienunternehmen.“ Quelle: „Politik für alle“ von Ned O’ Gorman

Von Hans Klumbies

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