Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel „Beauvoir. Erobere deine Freiheit“. Der Klassiker „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir legt präzise und schonungslos offen, was Frauen davon abhält, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ja sich überhaupt als Subjekt zu begreifen. Jana Glaese, die Chefredakteurin der Sonderausgabe, schreibt im Editorial: „Die Frau, so zeigt Beauvoir, erlebt sich von klein auf als Untergebene, als Andere des Mannes, die keine eigenen Wünsche und Bestrebungen, kein eigenes Begehren hat.“ Das Buch „Das andere Geschlecht“ wurde weltweit rezipiert, inspirierte die neue Frauenbewegung und ihren Kampf um geschlechtliche Gleichberechtigung. Simone des Beauvoir war nicht in erster Linie Feministin oder, wie es andere sehen, Schriftstellerin, die allein die Philosophie ihres Gefährten Jean-Paul Sartre kopierte und popularisierte.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Freiheit muss handelnd mit anderen gegen Widerstände erkämpft werden
Simone de Beauvoir entwickelt früh ihre eigene Version des Existenzialismus: Anders als Jean-Paul Sartre sah sie in der Freiheit nicht einfach die Aufgabe des ungebundenen Individuums, sich selbst zu entwerfen. Jana Glaese erklärt: „Vielmehr muss die Freiheit erst handelnd erkämpft werden – mit anderen und gegen Widerstände. Aus dieser Erkenntnis spricht auch Beauvoirs eigene Erfahrung als Frau. Für Männer war Freiheit schon immer viel verständlicher.“ Simone de Beauvoir schärft den Blick für das, was auch heute einer selbstbestimmten Existenz im Wege steht.
Simone de Beauvoir ist eine der größten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Manon Garcia, Professorin für Praktische Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main hat ein Buch mit dem Titel „Wir werden nicht unterwürfig geboren“ geschrieben. Dieser nimmt eindeutig Bezug auf Simone de Beauvoirs berühmten Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Was Simone de Beauvoir laut Manon Garcia aufzeigt, ist, dass Freiheit nicht gegeben ist, sondern etwas ist, das man aus seiner Situation heraus erobert.
Die Unterdrückung der Frau beruht auf Ungleichheit und Ausbeutung
In ihrem Buch „Für eine Moral der Doppelsinnigkeit“ schreibt Simone de Beauvoir: „Nur in der Existenz seiner Mitmenschen kann der Mensch eine Rechtfertigung für seine eigene Existenz finden. […] Frei sein wollen bedeutet wollen, dass auch die anderen frei sind; dieses Wollen ist keine abstrakte Vorschrift, sondern sie zeigt einem jeden konkrete Handlungen auf, der er durchführen muss.“ Die Freiheit des Einzelnen lässt sich also nicht ohne die Freiheit der anderen verwirklichen.
Simone de Beauvoir ist Sozialistin. Die Unterdrückung der Frau begreift sie auch als Resultat kapitalistischer Strukturen der Ungleichheit und Ausbeutung. Für Silvia Federici, Philosophin, Feministin und Aktivistin, ist „Das andere Geschlecht“ ein bedeutendes Werk. Denn Simone de Beauvoir bearbeitet die Geschlechterfrage mit dem ganzen Apparat der Philosophie, von Hegel bis zum Existenzialismus. Silvia Federici fügt hinzu: „Und sie ist eine großartige Schriftstellerin: scharfsinnig, präzise, zugleich witzig und poetisch. Ich bewundere ihre Ernsthaftigkeit, ihre Fähigkeit, Kritik und Humor in der Waage zu halten, und ihren Mut.“
Von Hans Klumbies
