Philosophieren war für Hannah Arendt ein Dienst an der Demokratie

Das Philosophie Magazin hat seine neue Sonderausgabe der deutschen Philosophin Hannah Arendt gewidmet, deren Themen von bleibender Aktualität sind: die Ursprünge politischer Gewalt, die Unbegreiflichkeit des Bösen, die Menschenrechte von politisch Verfolgten und Flüchtlingen sowie den Sinn der Arbeit. Hannah Arendt vertrat leidenschaftlich die Überzeugung, dass ein vernünftiger Streit von zentraler Bedeutung für die Demokratie ist. Im öffentlichen Engagement sah sie geradezu eine staatsbürgerliche Pflicht. Philosophieren hieß für Hannah Arendt immer öffentliches Nachdenken im Dienste der Demokratie. Gleich zu Beginn des Sonderheftes erfährt der Leser alles über die wichtigsten Lebensstationen der streitbaren Philosophin. Anschließend folgt ein Ausschnitt aus dem berühmten Fernsehinterview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1964. Im Gespräch sagte sie, dass sich nicht in den Kreis der Philosophen gehöre, sondern ihr Beruf die politische Theorie sei.

Hannah Arendt analysiert die totale Herrschaft

Ein „Genie der Freundschaft“ nannte sie der Philosoph Hans Jonas, und tatsächlich hat Hannah Arendt ihr Leben lang Freundschaften mit Intensität und Leidenschaft gepflegt. Die wichtigsten davon waren empathische Denkbeziehungen, in denen persönliche Liebe und geistiger Austausch zusammenkamen – ihre Lehrer Martin Heidegger und Karl Jaspers, ihr zweiter Ehemann Heinrich Blücher und die amerikanische Vertraute Mary McCarthy. Hannah Arendt scheint ihr Leben lang versucht zu haben, Leidenschaft und Denken, Liebe und Welt miteinander zu versöhnen.

Hannah Arendt war selber Flüchtling und lange staatenlos. In ihrem 1943 veröffentlichten Text „We Refugees“ beschreibt sie eindringlich den Wegfall des vertrauten Alltags, den Konflikt zwischen Assimilation und Identitätsaufgabe im neuen Land – und den grundlegenden Vertrauensverlust in den eigenen Ort in der Welt, den Flüchtlinge erleben. Ihr Text „Wir Flüchtlinge“, aus dem das Sonderheft Auszüge veröffentlicht, ist heute wieder von trauriger Aktualität. Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung führen Hannah Arendt Anfang der 1950er Jahre nicht nur zur Analyse der totalen Herrschaft, sondern auch zur Hinterfragung des Konzepts der Menschenrechte.

Das Böse kann auch banal und oberflächlich sein

„Totale Herrschaft“ und „Totalitarismus“ werden nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs zu ebenso wirkmächtigen wie umstrittenen Begriffen. Hannah Arendts Analyse der „totalen Herrschaft“ macht den Terror als Zentrum totalitärer Regime aus. Eingehend beschreibt sie aber auch die Entstehung der totalitären Herrschaft aus dem Kolonialismus. Sowie die selbst in Demokratien stets lauernde Gefahr des Abrutschens in totalitäre Propaganda. In „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ schreibt Hannah Arendt: „Die einzige Regel, auf die sich jedermann in einem totalitär beherrschten Lande verlassen kann, ist, dass ein Apparat desto weniger Macht hat, je öffentlicher und bekannter er ist.“

Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem war nicht nur in Israel, sondern weltweit Auslöser für eine intensivierte Debatte über den Holocaust und die Verbrechen der Nazis. Hannah Arendt löste mit ihren Prozessberichten für das Magazin „The New Yorker“ und ihrer Beobachtung, dass Adolf Eichmann ein banaler Beamter zu sein schien, heftigen Widerspruch aus. Ihre Kernthese, dass das Böse nicht nur in dämonischer Form auftritt, sondern vielmehr banal und oberflächlich sein kann, fordert auch heute noch zum Nachdenken heraus.

Von Hans Klumbies

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