Jürgen Habermas glaubte vor allem an die Kraft der Vernunft

Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt die Titel: „Habermas. Sein Leben. Sein Denken. Sein Erbe.“ Jürgen Habermas hatte zuerst die Bundesrepublik und später das wiedervereinigte Deutschland stets aufmerksam im Blick – mit seinen Schattenseiten, seinen Hoffnungen, seinen Zeitenwenden. Zeitlebens trieb ihn die Sorge um, dass Gesellschaften, besonders die deutsche, erneut dem Nationalismus verfallen könnten. Chefredakteurin Jana Glaese schreibt in ihrem Editorial: „Er war der Denker des „Nie wieder“. Er wandte sich gegen die geistige Enge der jungen Bonner Republik und gegen den Versuch, das singuläre Verbrechen der Shoa kleinzureden. Er warb für eine geeintes Europa, eine Welt mit geteilten Werten und Normen – und vor allem für die Kraft der Vernunft.“ Jürgen Habermas glaube an die Anstrengung des Arguments und daran, dass Gesellschaften sich mittels der Diskussion auf gemeinsame Prinzipien einigen können.

Jürgen Habermas verteidigt das Erbe der Aufklärung

Die Idee der kommunikativen Verständigung hat Axel Honneth, ehemals Assistent von Jürgen Habermas, immer überzeugt, wenn auch nicht in allen Details: Es gibt eine andere Vernunft als die „instrumentelle“ Vernunft, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno kritisierten. Axel Honneth fügt hinzu: „Habermas pochte auf die Möglichkeit der Verständigung im Dialog – auch wenn er zugleich einräumte, dass diese andere Form der Vernunft durch gegenläufige Prozesse der Technisierung bedroht sei.“ In seinem Buch „Faktizität und Geltung“ arbeitet Jürgen Habermas heraus, welchen Gerechtigkeitsansprüchen unsere demokratische Willensbildung genügen muss.

Mit der „Theorie des kommunikativen Handelns“ legt Jürgen Habermas eine umfassende Gesellschaftstheorie vor. In unseren Gesellschaften muss Pluralismus verteidigt werden, ohne dass man in Relativismus oder Nihilismus verfällt. Die emeritierte Professorin für Politische Theorie und Politische Philosophie Seyla Benhabib erklärt: „Das gesamte Werk von Habermas besteht darin, dieses Erbe der Aufklärung zu verteidigen. „Sapere aude“ – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es so schön formuliert hat.“

Selbst aus gesellschaftlichen Rückschritten können Menschen etwas lernen

In seinem Werk „Faktizität und Geltung“ legt Jürgen Habermas dar, wie unsere Demokratie operieren muss, um auf festem Grund zu stehen. Er überwindet darin den Rechtsnihilismus der frühen Kritischen Theorie und weiter Teile der linken Bewegung und demonstriert, das formales Recht nicht nur ein Herrschaftsinstrument, sondern zugleich ein Mittel der Freiheitsicherung ist. Oliver Eberl, Heisenberg-Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Marburg, erläutert: „Moderne Gesellschaften sind durch Recht integriert, und das bedeutet, dass Freiheit und Zwang miteinander verflochten sind.“

Die Geschichtsphilosophie von Jürgen Habermas begreift gesellschaftlichen Rückschritt als historische Gelegenheiten, etwas zu lernen. Moritz Rudolph blickt in die Zukunft: „Es ist gut möglich, dass Jürgen Habermas einmal als Philosoph der Verständigung in schwieriger Lage in die Geschichtsbücher eingehen wird. Noch in den blockiertesten Kommunikationsverhältnissen erblickte er die Möglichkeit rationaler Übereinkunft, noch in der größten Verrohung die Chance, das Projekt der Modere fortzusetzen.“

Von Hans Klumbies