Das neue Philosophie Magazin 06/2025 widmet sich diesmal der Frage: Muss ich da mitmachen? Nicht dabei sein zu wollen, ist allerdings noch kein nonkonformes Verhalten. Dazu braucht es Gründe, die gerade nicht in der Mehrheitsmeinung zu finden sind. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler beruft sich in ihrem Editorial auf Emmanuel Kant: „Der Nonkonformist bedient sich – hier und jetzt – des eigenen Verstandes, ohne Leitung eines anderen. Genau darin liegt seine Freiheit.“ Das kantische Selberdenken gilt jedoch in Zeiten der Großkrisen schnell als unsolidarischer Akt oder Verschwörungsglaube. Diese gefährliche Entwicklung unterdrückt das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Es gibt laut Ralf Dahrendorf vier Tugenden gegen den Konformismus. Die erste Tugend ist der Mut zur Freiheit in Einsamkeit. Dabei geht es darum, die Freiheit des eigenen Denkens und Handelns selbst dann noch zu verteidigen, wenn alle Lager mit Ausstoß reagieren.
Passende Literatur zu diesem Thema:
Aktuelle Angebote zu "Es gibt vier Tugenden gegen den Konformismus"
Passende Bücher bei Amazon findenEin Kampf auf Leben und Tod ist derjenige um Anerkennung
Die zweite Tugend lautet: Leben mit Widersprüchen. Je komplexer Probleme sind, desto weniger ist es möglich, sie widerspruchsfrei zu lösen oder in einer höheren, neuen Realität aufzuheben. Genau das aber versprechen totalitäre Ideen, so Ralf Dahrendorf. Die dritte Tugend besteht aus engagierten Beobachten. Dabei handelt es sich um ein Beobachten, das Abstand wahrt, ohne in Apathie abzurutschen. Die vierte Tugend ist die Passion der Vernunft. Es geht dabei darum, auf die Kraft des Arguments und die rationale Prüfung aller Behauptungen zu setzen, ohne die Leidenschaft preiszugeben.
Der Philosoph und Schriftsteller Leander Scholz schreibt in seinem Beitrag zur neuen Weltordnung: „Dass die politische Existenz des Menschen gewaltvoll sein konnte und vielleicht sogar sein musste, bildete den Kern von Hegels Theorie der Anerkennung.“ Welche Weltordnung heutzutage aus den Kämpfen um Anerkennung hervorgehen wird, lässt sich noch nicht absehen. Aber es ist offensichtlich, dass wir wieder lernen müssen, was es bedeutet, den Kampf um Anerkennung als Kampf auf Leben und Tod zu begreifen.
Freundlichkeit verdient unsere Bewunderung
Theresa Schouwink vertritt die These, dass die Freundlichkeit in ihren wahrhaften Formen unsere Bewunderung verdient. Freundlichkeit zeichnet sich durch ein Gespür für das Angemessene, durch Bewusstsein für das Leiden und ein Gefühl der Verbundenheit aus. Sie ist zugleich eine Frage der Übung, ein metaphysisches Geschenk wie auch Folge einer glücklichen Kindheit. In einem späten Text nennt Friedrich Hölderlin die Freundlichkeit gar als diejenige Eigenschaft, die es uns erlaubt, uns mit der Gottheit zu vergleichen.
Als Klassiker hat das Philosophie Magazin diesmal Emmanuel Lévinas ausgewählt. Für den Philosophen und Ethiker ist das Auftauchen des anderen Menschen die grundsätzlichste aller Erfahrungen. Bevor ein Mensch weiß, wer er selbst ist, erfährt er sich von einem Du in Anspruch genommen. Der Anblick des Anderen übersteigt sein Erkenntnisvermögen und fordert ihn auf, Verantwortung wir den Mitmenschen zu übernehmen. Es ist diese Inanspruchnahme, welche die Grundlage der Ethik von Emmanuel Lévinas bildet.
Von Hans Klumbies
