Die Aufmerksamkeit stiftet eine Verbindung zwischen uns und der Welt

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2026 lautet: „Aufmerksam sein. Wie wir uns mit der Welt verbinden.“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem Editorial: „Wer mit der Welt wahrhaft in Kontakt steht, richtet die eigenen Sinne auf das, was jetzt und hier geschieht; tritt ein in Wechselspiel von aktiver Wahrnehmung und passiver Verführung durch dieses oder jenes Detail; öffnet sich für unverhoffte Schönheit.“ An unseren Aufmerksamkeitsmustern lässt sich ablesen, wer wir sind und welche Ausschnitte der Welt wir wahrnehmen. In ihnen zeigt sich erstens, was für uns als Gattungswesen von Bedeutung ist. Zweitens zeigen sich in ihnen die Werte und Vorstellungen unserer Kultur. Drittens offenbart sich in den Aufmerksamkeitsmustern des Einzelnen auch etwas Individuelles und Unvorhergesehenes. Vor allem aber stiftet unsere Aufmerksamkeit eine Verbindung zwischen uns und der Welt. Denn wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Aspekte, die uns wichtig sind, und öffnen uns zugleich für das, was uns entgegenkommt, uns berührt und bewegt.

Gerechtigkeit ist ein Sehnsuchtsbegriff

Der Sinologe und Philosoph Henrik Jäger stellt die Frage: „Wie übe ich mich in Aufmerksamkeit?“ Für die chinesische Philosophie ist die Frage seit jeher zentral. Aber auch in der westlichen Welt erscheinen Erfahrungen des Innehaltens, der Aufmerksamkeit und Stille heute zunehmend wie Zeichen einer modernen Sehnsucht. Erst wenn der Mensch sich nicht mehr vom Strom der Ereignisse fortreißen lässt, entsteht jene stille Distanz, aus der Denken überhaupt erst möglich wird.

Svenja Flaßpöhler führt in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins ein Gespräch mit dem Bestsellerautor Bernhard Schlink über die Macht des Unverfügbaren und die Mühen der Gerechtigkeitsarbeit. Bernhard Schlink sagt: „Gerechtigkeit ist ein Sehnsuchtsbegriff, und die Sehnsucht nach dem idealen Zustand bleibt richtig und wichtig und auch ich gebe sie nicht auf. Wir brauchen Gerechtigkeitsarbeit aber auch unter nicht idealen Bedingen, die Arbeit des Suchens und Findens gerechter Lösungen für die vielen Gleich- und Ungleichbehandlungsprobleme, die sich ständig stellen.“

Rechtsextreme Parteien gedeihen in narzisstischen Gesellschaften besonders gut

Die Rubrik „Klassiker“ ist diesmal Hildegard von Bingen gewidmet. Wer Hildegards Vermächtnis auf Rezepte beschränkt, der verkennt ihre intellektuelle Größe und ihre Anschlussfähigkeit an die existenziellen Herausforderungen unserer Zeit. Timm Lewerenz erläutert: „Denn hinter ihrer akribischen Naturkunde steht ein Gedankengebäude, das unseren Platz inmitten der Schöpfung, unsere Verantwortung für uns selbst und für die Umwelt eindrucksvoll begründet.“

Das Buch des Monats stammt von Corine Pelluchon und heißt „Die Macht des Weiblichen“. In ihrem neuen Werk untersucht die französische Philosophin den weltweiten Vormarsch rechtsextremer Parteien, die, so ihre These, in narzisstischen Gesellschaften besonders gut gedeihen. Corine Pelluchon erforscht die unheilvolle Dynamik der „Bemächtigung“ zwischen dem narzisstischen Führer, der seine innere Leere durch Allmachtstreben füllt, und der subjektschwachen, nach Anerkennung gierenden Gefolgschaft.

Von Hans Klumbies