Ein sinnvolles Leben besteht nicht nur aus Nützlichkeit und Erfolg

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 05/2025 lautet: „Was ist der Sinn meines Lebens?“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer sich diese Frage stellt, tritt gleichsam aus sich heraus, betrachtet das eigene Dasein von außen. Was genau mache ich hier eigentlich? Wozu das alles?“ Solche Zweifel zuzulassen ist der erste Schritt. Der Sinn meines Lebens erschöpft sich weder darin, Ansprüche zu erfüllen, noch bedeutet „Sinn“, dass ich jede Sekunde des Tages etwas Sinnvolles tun sollte. Sein Leben als sinnvoll zu erfahren, ist geknüpft an die Erfahrung von Sinnlichkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa hat für diese Sinnlichkeit den Begriff der Resonanz gefunden: Die Welt steht mir nicht mehr stumm und abweisend gegenüber, sondern ich unterhalten eine Beziehung zu ihr. Mein Tun- und Nicht-Tun bringt mich im Inneren zum Schwingen.

Vier Erfahrungen gehen mit Sinn einher

Die Frage nach dem Sinn des Lebens gehört zu den bedeutendsten in der Philosophie. Sie erlaubt einen neuen Blick auf die je eigenen Existenz, die sich oft eigentlich leer anfühlt. Der plötzliche Einbruch einer Sinnfrage in einer Lebenskrise eröffnet zugleich auch den Widerstand gegen die instrumentelle Vernunft. Wer die Sinnfrage stellt, möchte, dass es im Leben noch um etwas anderes geht als um Nützlichkeit und Erfolg. Dazu zählt ein Leben, dass keine lose Abfolge von Momenten ist, sondern etwas, das sich verstehen, erzählen und erinnern lässt.

Für Tatjana Schnell, Professorin für Existenzielle Psychologie, ist Sinn zunächst etwas Subjektives. Auch muss etwas, nur weil es sich gut anfühlt, noch lange nicht sinnvoll sein. Es gibt vier Erfahrungen die mit Sinn einhergehen. Tatjana Schnell hat sie erforscht: „Kohärenz, Bedeutsamkeit, Orientierung, Zugehörigkeit. Um Sinnfindung zu ermöglichen, muss eine Gesellschaft diese vier Erfahrungen fördern. So muss ich zum Beispiel die Erfahrung machen können, das ich etwas beitrage, das mein Dasein zählt. Dass ich einen Platz hier habe, dazugehöre. Und dass mein Handeln oder Nichthandeln spürbare Folgen hat.“

Assoziationen führen zum Erlebnis der Individualität

Lambert Wiesing, Professor für Philosophie, erzählt in seinem Essay vom Erlebnis, Ich zu sein. Dabei helfen Assoziationen, ums sich als Individuum zu begreifen. Die Erfahrung einer Assoziation ist dabei eine regelrechte Individualitätszumutung. Lambert Wiesing erklärt: „Mit jeder Assoziation wird mir ungefragt zugemutet, erleben zu müssen, welches besondere und konkrete Individuum ich für mich bin.“ Wer das Erlebnis der Individualität sucht, der braucht nur eines: warten, bis eine Assoziation kommt. Sie geschehen von selbst hin und wieder.

Als Buch des Monats steht das Philosophie Magazin diesmal den Essay „Außenseiter“ von Ralf Konersmann vor. Der Autor untersuch die Rolle des Außenseiters und findet philosophische Freigeister außerhalb der Institutionen. Dazu zählt er Diogenes, Sokrates, Cusanus und Montaigne. Sie waren Außenseiter, lange bevor sich der Begriff etabliert hatte. „Die Moderne braucht Leute, die bereit sind, abzuweichen und aus der Höhe des Jargons herauszutreten“, schreibt Ralf Konersmann am Ende eines Essays.

Von Hans Klumbies