Gelassenheit ist eine Anstrengung

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2019 lautet „Gelassen sein“. Gelassen sein, das meint im Kern: Lassen können. Für Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler ist eines völlig klar: „Gelassenheit ist nichts, was sich einfach von allein einstellt. […] Gelassenheit ist eine Anstrengung. Und somit, so paradox es klingen mag, ein Tun.“ Passivität und Aktivität sind dabei unauflöslich ineinander verschränkt. Das Philosophie Magazin ruft nicht zu einem fortwährend tiefenentspannten Dasein auf, das sich ums Außen nicht schert, weil der Fried bereits im Innen fest verankert ist. Die Kunst besteht gerade darin, jene Augenblicke zielgenau zu erkennen, in denen ein starker Affekt nicht nur angebracht, sondern sogar notwendig ist. Das gilt für das Private wie auch für das Politische.

Lesen ist auch immer eine Art des Liebens

Für die antiken Stoiker wie Seneca oder Marc Aurel beruht die Gelassenheit auf einer zentralen und glasklaren Regel: Kümmere dich um das, was du beeinflussen kannst. Was nicht beeinflussbar ist, lass geschehen und nimm es hin. Nur so gelangst du zur vollkommenen Seelenruhe, zur „ataraxia“, dem höchsten Ideal der Stoa. Für den Philosophen und Schriftsteller Wilhelm Schmid ist die Moderne keine gelassene Zeit. Wer in dieser Zeit gelassen sein will, muss sich selber darum kümmern. Die konkrete Umsetzung muss dabei geduldig eingeübt werden. Allerdings gilt auch: Man kann nicht immer gelassen sein.

In der Rubrik „Das Gespräch“ hat sich Nils Markwardt diesmal mit Hèléne Cixous unterhalten. Sie ist eine führende Denkerin der Dekonstruktion und avancierte mit ihrer Theorie der Écriture feminine zu einer der einflussreichsten Feministinnen des 20. Jahrhunderts. Sie sagt: „Beim Schreiben muss man dem Körper alles abverlangen“. Und: „Ich habe mir meine Freiheit in der Sprache erobert.“ In ihrem Buch „Insister“ schreibt sie sogar, dass Lesen auch immer eine Art des Liebens ist: „Lesen ist lieben, jouissance und Vergnügen.“

Jeremy Bentham gilt als Begründer des Utilitarismus

Jeremy Bentham ist der Klassiker der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins. In die Philosophiegeschichte ist er als Begründer des Utilitarismus eingegangen. Die viel zitierte Leitmaxime jener Philosophie des Nutzens lautet: „Das größte Glück für die größte Zahl an Menschen.“ Für Jeremy Bentham galt nicht irgendeine innere oder äußere moralische Instanz wie Gott, ein individuelles Gewissen etc., sondern das Gemeinwohl als Maßstab für Recht und Unrecht.

Als Buch des Monats hat das Philosophie Magazin diesmal „Macht und soziale Intelligenz“ von Michael Pauen ausgewählt. Er geht darin unter anderem der Frage nach, warum moderne Gesellschaften zu scheitern drohen. Michael Pauens Analyse läuft dabei auf eine philosophische Pazifizierung von Machtverhältnissen hinaus. Anders als von Thomas Hobbes oder Max Weber angenommen, stützt sich seiner Meinung nach Macht nicht auf Gewalt, sondern auf ein inneres Gefüge sozialpsychologischer Fähigkeiten, die dazu dienten, Gewalt zurückzudrängen.

Von Hans Klumbies

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