Georg Simmel befasst sich als einer der Ersten mit der Armut

Armut ist die Hölle. Wenn Philipp Lepenies das behauptet, widerspricht kaum jemand. Wenn es um Armut, deren Beschreibung und Qualifizierung geht, sind es fast immer die von Armut nicht betroffenen, die sich ein Urteil darüber erlauben. Das ist für Philipp Lepenies ein ganz wichtiger Punkt, denn Armut ist kein alleinstehendes Phänomen von Individuen. Armut ist eingebunden in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Armut in ihrer ganzen Tragweite kann man daher nur dann richtig erfassen, wenn man die Reaktion der Nichtbetroffenen auf Armut beleuchtet. Man kann schließlich nie arm und reich zugleich sein. Der deutsche Soziologe Georg Simmel hat sich am Anfang des 20. Jahrhunderts als einer der Ersten in seinem Aufsatz „Soziologie der Armut“ damit befasst, was eigentlich das Entscheidende an der Armut ist. Prof. Dr. Philipp Lepenies ist Gastprofessor für vergleichende Politikwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums für Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin.

Muss der Staat den Armen helfen?

Für Georg Simmel war ein Mensch erst dann arm, wenn er durch die Nicht-Armen Unterstützung erhält. Selbstverständlich kann ein Mensch Not leiden, ihm oder ihr kann es an allem mangeln, was für ein würdiges Leben nötig ist. Aber erst durch den Transfer der Nicht-Armen zu den Armen kommt es überhaupt dazu, dass man sich gesellschaftlich damit befasst, was Armut ist und wie man ihr am besten begegnet. Dabei geht es immer auch darum auszuloten, ob und inwiefern die Nicht-Armen und besonders der Staat verpflichtet sind, den Armen zu helfen.

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In Deutschland wird immer wieder darüber diskutiert, ob die Höhe der sogenannten Hartz-IV-Sätze ausreichend ist, oder unwürdig niedrig und daher jegliche Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe verhindert. Vor ein paar Jahren warnte der damalige Außenminister Guido Westerwelle, zu generöse Unterstützung würde zu „spätrömischer Dekadenz“ führen und sei daher eine systemische Gefahr. Die Rotgrüne Bundesregierung hatte mit dem Slogan „Fordern und Fördern“ deutlich gemacht, dass die staatliche Unterstützung nicht automatisch einsetzen dürfe.

Immer mehr Politiker fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen

Der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch plädierte gar für den Zwang zu „niederwertigen Arbeit“ und argumentierte, Hilfe zu empfangen müsse auch immer ein Element der Abschreckung enthalten. Philipp Lepenies ergänzt: „International kommt häufig noch ein weiteres Element hinzu: Zu generöse Unterstützung der Armen macht nicht nur träge, sondern sorgt dafür, dass sich die Armen zu stark vermehren.“ Noch in den achtziger Jahren wurden in den USA solche Thesen vertreten.

Schien es so, als wäre für viele Politiker ein Leben in Armut und von Stütze doch sehr nah zu einem Leben im Himmelreich, wendet sich die Stimmung gerade. Immer häufiger fordern Politiker, allen voran der Berliner Bürgermeister Michael Müller, ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und auch scheinen immer mehr Entscheider davon überzeugt zu sein, dass Hartz IV und der Bezug der Unterstützung eben doch eher die Hölle ist als das Himmelreich. Quelle: „Die Höllen der Armut“ von Philipp Lepenies in Philosophicum Lech „Die Hölle“

Von Hans Klumbies