Die meisten Menschen beherrschen die Kunst der Verstellung

Wenn Fehleinschätzungen der eigenen Fähigkeiten und Gründe oft und systematisch auftauchen, dann stellt sich für Philipp Hübl die Frage, wie sie evolutionär von Vorteil gewesen sein können. Als Antwort darauf gibt es mehrere Vorschläge. Der Evolutionsbiologe Robert Trivers nimmt an, dass Selbsttäuschung sich im Dienste der sozialen Täuschung entwickelt hat. Friedrich Nietzsche hat diese soziobiologische Grundidee schon 150 Jahre früher so zusammengefasst: „Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen … die Regel und das Gesetz.“ Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

Selbstüberschätzung macht die Menschen im Allgemeinen glücklicher

Aufbauend auf psychologischer und evolutionsbiologischer Forschung meint Robert Trivers, zwischen Täuschern und Getäuschten habe in der Entwicklungsgeschichte eine Art Wettrüsten stattgefunden. Wer zum Beispiel vortäuschen konnte, stark, einflussreich oder unbesiegbar zu sein, hatte bessere Chancen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem er fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen konnte. Doch da die anderen Gruppenmitglieder feine Sensoren für Lügen und Betrug hatten, setzte über viele Generationen ein Wechselspiel zwischen Täuschung und Täuschungsaufdeckung ein.

Erfolgreich seien aber gerade diejenigen gewesen, die sich selbst darin täuschen konnten, die Größten zu sein, denn sie hätten besonders authentisch auch andere davon überzeugen können. Der amerikanische Philosoph William Hirstein macht noch auf eine andere mögliche evolutionäre Funktion aufmerksam, die einiger den sozialen als vielmehr den mentalen Aspekt von Selbsttäuschung betont, nämlich dass Konfabulationen und Selbstüberschätzungen die Menschen im Allgmeinen glücklicher machen, also offenbar eine wichtige Beruhigungsfunktion übernehmen.

Die Selbsttäuschung könnte mit Vernunft und Nachdenken in die Welt gekommen sein

Im Gegensatz zu gesunden Menschen nämlich schätzen Depressive ihre Fähigkeiten und Aussichten oft sehr präzise, ein Phänomen, dass daher den Namen „depressiver Realismus“ trägt. Vielleicht überschätzten sich depressive Menschen deshalb selten, weil sie ohnehin dauerhaft an sich zweifeln. William Hirstein gibt allerdings zu bedenken, dass auch der umgekehrte Fall plausibel ist. Er drückt seine Einsicht wie folgt aus: „Wir werden alle sterben, vermutlich nach einer Krankheit. Alle unsere Freude werden ebenfalls sterben. Wir sind kleine, unbedeutende Punkte auf einem unbedeutenden Planeten.“

Ist es da nicht naheliegend, fragt William Hirstein, dass mit Vernunft und Nachdenken auch die Selbsttäuschung in die Welt gekommen ist, um die Menschen vor Depressionen und Lethargie zu schützen? Sodass man im Sinne der englischen Komiker der Gruppe „Monty Python“ eher auf die schönen Seiten des Lebens schaut, selbst wenn einem das Lebern oft absurd erscheint? Philosophisch stellen Formen von Selbsttäuschung auf den ersten Blick ein Rätsel dar. Wenn man jemanden täuscht, sorgt man absichtlich dafür, dass eine andere Person Überzeugungen gewinnt, die man selbst für falsch hält. Quelle: „Der Untergrund des Denkens“ von Philipp Hübl

Von Hans Klumbies

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