Peter Scholl-Latour porträtiert Bundeskanzlerin Angela Merkel

„Sag mir, wo die Männer sind, wo sind sie geblieben? Sang einst Marlene Dietrich. Peter Scholl-Latour stellt sich die Frage, ob man diesen Liedtext auch auf die aktuelle politische Szene in Deutschland übertragen kann. Denn an die Stelle einer schwächelnden Virilität ist in der Hauptstadt Berlin eine Frau getreten. Peter Scholl-Latour kommt deshalb nicht umhin, bei der Skizzierung der Gegenwart, die ungewöhnliche Bedeutung zu erwähnen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Konzert der Mächte gewonnen hat. Von amerikanischen Magazinen wurde sie sogar schon mehrfach als „mächtigste Frau der Welt“ bezeichnet. Peter Scholl-Latour arbeitet seit 1950 als Journalist, unter anderem viele Jahre als ARD-Korrespondent in Afrika und Indochina, als ARD-Studioleiter in Paris, als Fernsehdirektor der WDR, als Herausgeber des STERN. Seit 1988 ist er als freier Publizist tätig.

Angela Merkel zeichnet eine pietistisch wirkende Tugendhaftigkeit aus

Bei flüchtigen Begegnungen mit Angela Merkel fiel Peter Scholl-Latour bei Angela Merkel ihre Zurückhaltung auf, eine an Misstrauen grenzende Abkapslung, die aus ihrer Jugendzeit in der ehemaligen DDR herrühren mag. Peter Scholl-Latour fügt hinzu: „Sie ist zur Schlüsselfigur in der Eurokrise geworden, und wer könnte es ihr verdenken, dass sie in dieser Phase totaler finanzieller Ungewissheit mit extremer Vorsicht taktiert.“ Peter Scholl-Latour hat gehört, dass Angela Merkel angeblich in ihrem Amtszimmer ein Porträt der russischen Zarin Katharina II. aufgestellt hat, was auf große persönliche Ambitionen schließen ließe.

Im Gegensatz zur Zarin befleißigt sich Angela Merkel allerdings einer geradezu pietistisch wirkenden Tugendhaftigkeit. Peter Scholl-Latour weist darauf hin, dass die Kanzlerin im Gegensatz zur Großen Katharina ihre politischen Gegner nicht umbringen ließ, aber es mit beinahe unheimlicher List schaffte, alle potentiellen politischen Widersacher auszuschalten und an die Wand zu spielen. Mit ihrem Aufsatz über die Spendenaffäre Helmut Kohls in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat sie sogar eine Art Vatermord begangen.

Eisige Selbstbeherrschung ist ein wesentlicher Zug des Machtinstinkts der Kanzlerin

In jener dramatischen Wahlnacht, als Gerhard Schröder sie in geradezu beleidigender Weise als Kanzlerin diskreditierte, wurden Angela Merkel ihre Passivität und ihr Mangel an Reaktion zunächst als Schwäche und Schüchternheit ausgelegt. Peter Scholl-Latour fügt hinzu: „Heute fürchten ihre Gegner und noch mehr ihre Parteifreunde diese eisige Selbstbeherrschung, die ein wesentlicher Zug ihres Machtinstinktes ist.“ Zudem beweist die Kanzlerin eine unermüdliche Schaffenskraft, eine scheinbar unbegrenzte Belastbarkeit durch permanente Reisen und öffentliche Auftritte.

Peter Scholl-Latour vertritt die Ansicht, das Angela Merkel zu Beginn ihrer Regierungszeit das Gespür für die profunde Unterschiedlichkeit exotischer Kulturen fehlte, wodurch sie auch nicht die Regionalkonflikte erkennen konnte, die daraus resultierten. Aber das hat sich seiner Meinung nach spätestens nach ihrer intensiven Kontaktaufnahme zu China geändert. Peter Scholl-Latour zitiert Altkanzler Helmut Schmidt, der sowohl an Angela Merkel als auch an Bundespräsident Joachim Gauck das geringe Gespür für die gemeinsame europäische Identität bemängelt, was er auf die provinzielle Enge des Honeckerstaats zurückführt.

Von Hans Klumbies

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