Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Menschen brauchen Vorbilder der beherzten Freiheit
Im Verstehen der Texte großer Denker wird Wahrheit erkannt, die auf anderem Wege nicht erreichbar wäre. Wir dürfen Freiheit und Autorität nicht einander so entgegensetzen, dass Freiheit Autorität überwindet, Autorität Freiheit unterdrückt. Paul Kirchhof erklärt: „Vielmehr wird der Mensch frei, wenn er einer Autorität folgt, die ihn anspricht, ihn überzeugt, sein Vertrauen gewinnt und deshalb auf Macht und Gewalt verzichten kann.“ Eine solche Autorität drängt nicht zur Macht, sondern lässt jedem seine innere Kraft zur Wahrheitssuche.
Menschen brauchen Vorbilder, Vordenker, Vorredner. Unsere Gegenwart muss sich besinnen, welchen Autoritäten sie folgen soll. Paul Kirchhof erläutert: „Gerade der freie Mensch folgt Menschen, die nicht nur über Ansehen und Einfluss in Wissenschaft und Technik, Wirtschaft und Unterhaltung verfügen, sondern in der Gesamtheit ihres Lebens mit Klugheit und Tatkraft, mit Erfahrung und Hoffnung, in menschlicher Zuwendung und persönlicher Verantwortung vorausgehen.“ Wir brauchen Vorbilder der beherzten Freiheit.
Der freie Mensch denkt über sich hinaus
Der innere Weg zur Freiheit löst sich vom nützlichen Gegenstand, von der vorübergehenden Gegenwart, von Organisationsgewalt und Weisungskompetenz. Paul Kirchhof betont: „Der innerlich Freie begnügt sich nicht mit der eigenen Schwäche und Begrenztheit, beansprucht kein Recht zur Ermüdung, lässt eine Unausweichlichkeit nicht in Ratlosigkeit münden. Der freie Mensch denkt über sich hinaus.“ Er schult in seiner Kultur sein Gewissen, erweitert seine begrenzte Vernünftigkeit in Musik, Ritual und Mystik, liest in Büchern, findet in Bildern Inspiration.
Er ist sich dabei stets bewusst, dass er auf der Suche ist, seine Suche unvollendet bleibt, er das Endgültige und Vollkommene in geschichtlicher Befangenheit und gegenständlicher Begrenztheit nicht voll erfassen kann. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Er wird das Gespräch mit anderen suchen, die ebenfalls die Kunst des Fragens, des Staunens, des Hinhörens und des subjektiv-inneren Erlebnis pflegen. In dieser Bescheidenheit sind Verallgemeinerungen und universale Menschenrechte möglich.“ Quelle: „Beherzte Freiheit“ von Paul Kirchhof
Von Hans Klumbies
