Weise pflegen eine vorbildliche Beziehung zu ihren Mitmenschen

Otfried Höffe entwickelt in seinem neuen Buch „Die Kunst der Weisheit“ eine kleine Philosophie der Lebensklugheit. Bei der Weisheit handelt es sich um eine Höchstform des Wissens und des Könnens. Weise nennen wir Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen sowie manchmal auf Fachleute. Nach dem stoischen Ideal ist weise, wer die Unbilden des Lebens mit Gelassenheit, sogar in Heiterkeit, wer sie mit „stoischem Gleichmut“ zu ertragen vermag. Diese Fähigkeit, selbst in den schlimmsten Widrigkeiten des Lebens seine Eigenständigkeit und Freiheit zu bewahren, wird ohne Frage auch heute noch als vorbildlich angesehen. Es braucht jedoch noch andere Vorzüge, um als Weiser zu gelten, insbesondere eine vorbildliche Beziehung zu den Mitmenschen. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.

Weisheit kann erlernt werden

Das Buch beginnt mit dem Hinweis auf vier Verständnisse von Weisheit, schließt daran an die Lebensweisheit als Lebenskunst und die Weisheit der Moral. Otfried Höffe geht von der Annahme aus, die Weisheit sei keine nur wenigen Menschen vorbehaltene Gabe. Sie gilt vielmehr als Eigenschaft oder, wahrscheinlicher, als ein Bündel von Eigenschaften, das erlernt werden kann und dafür Unterstützung, also ein Lehren, verdient. Von der Weisheit in der Psychologie handelt Kapitel vier, Weisheitsüberlegungen von außereuropäischen und außernordamerikanischen Kulturen werden im Schlusskapitel vorgestellt.

Unter der Lebensweisheit sind Ansichten eines im hohen Maß gelungenen Lebens zu verstehen. Ein Vorteil der Lebensweisheit besteht darin, dass sie kaum veraltet. „Die Sieben Weisen Griechenland“ geben ihren Mitmenschen Ratschläge, die sich durch zwei Eigenschaften auszeichnen. Zum einen tritt in ihren Ratschlägen eine überragende Lebensklugheit, eine von ihren Zeitgenossen bewunderte praktische Urteilskraft zutage, die sie zum anderen in wie in Stein gemeißelte Spruchweisheiten von lakonischer Kürze pointieren.

Die Lebensweisheit entwickelt sich erst im fortgeschrittenen Alter

Die Lebenskunst meint die Fähigkeit und Bereitschaft, sein Leben glücklich zu führen, und zwar nicht bloß in abgrenzbaren Bereichen wie dem Wirtschaften oder nur in gewissen Lebensabschnitten wie der Jugend. Otfried Höffe betont: „Über Lebenskunst verfügt allein, wem dies für sein Leben als Ganzes gelingt, wer alles sein Dasein mit all seinen Schwierigkeiten und Gefahren, selbst bösen Schicksalsschlägen zu bewältigen, zu meistern versteht.“

Nach einschlägigen Studien besteht zwar schon in jungen Jahren die Möglichkeit, weise zu werden. Dennoch gibt es nachvollziehbare Gründe, warum sie Lebensklugheit und Lebensweisheit in der Regel in im fortgeschrittenen Alter zu entwickeln pflegen. Otfried Höffe zieht, ein zur Weisheit gehörendes, optimistisches Schlussfazit: Man wird offener für die bunte, freilich nicht immer das Leben erleichternde Welt, und vor allem wird man gegen seine Mitmenschen toleranter.

Die hohe Kunst der Weisheit
Kleine Philosophie der Lebensklugheit
Otfried Höffe
Verlag: C. H. Beck
Gebundene Ausgabe: 237 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-406-83102-7, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies